Kurzgeschichten

Die Stimme des Mistral (Kurzgeschichte)

Ausbrechen. Woraus brechen? Luiz Yunus sah an sich hinab. Es gab keinen Bruch.

Der Mistral wehte aus nordwestlicher Richtung, aufgewärmt von der Landmasse, die er passiert hatte, streifte er stimulierend durch Luiz’ dichtes schwarzes Haar, schob es ihm aus der Stirn und kräuselte es an den Seiten. Mit einer müden Geste forderte er Rafik und Manlak auf, den Sarg aufzuladen. Der gebeugte Rafik schob den einfachen, aus einzelnen Eichenbrettern zusammengenagelten Quader gemeinsam mit dem stämmigen Manlak über die Planke auf Luiz’ Kutter.

»Heute nur dieser eine?« fragte Rafik gurrend.

»Ja«, sagte Luiz und war erleichtert, dass es wenigstens dieser eine war. Fuhren sie zu dritt, nur er, Rafik und Manlak, und es gab Tage an denen dies vorkam, wenn sie Gräber aushoben oder im Auftrag der Familien pflegten, bedeutete dies für Luiz eine einsame Fahrt. Unter ihnen war er allein, mehr, als wäre tatsächlich nur er unterwegs. Sie waren Gesindel. Denen er nicht mehr zugute hielt, als dass sie folgsam taten, was er sagte.

Luiz begrüßte den Sarg mit einem Klopfen auf den Deckel, dann strich er mit den Fingerspitzen darüber, fühlte die Maserung und erahnte den atemlosen Körper darunter. Seine Helfer schoben den Sarg in die vorgesehene Halterung, zwängten ihn in ein hässliches Metallgeflecht. Die beiden weiteren, von Nutzung und Witterung sichtlich mitgenommenen Gestelle blieben leer.

»Schruppt sie«, sagte Luiz tonlos.

Rafik nickte ergeben und schwankte unter Deck, kam mit Drahtbürsten, einem überschwappenden Eimer und einer Flasche wieder. Er stellte die Utensilien neben den Sarg und während Manlak auf die Knie ging, das Scheuermittel entkorkte und es dem Sud beimischte, eilte Rafik zum Heck, zog mühevoll die breite Planke ein und löste die Vertäuung.

Luiz trat ins Kapitänshäuschen, startete den Motor und legte die Hände auf das abgegriffene Steuerrad. Er atmete so tief ein, dass der Luftzug bis in seine Finger zog, durch seine Poren in die des brüchigen Holzes drang und es belebte. Der Kutter ruckte an. Ein Lächeln loderte über Luiz’ aufgesprungene Lippen, er ergötzte sich an der Vibration, die den Leib des Bootes ergriff, mit der Holz und Metall, Streben und Seile ihm dankend die Energie zurückgaben, mit der er sie zuvor gespeist hatte. Mit geschlossenen Augen manövrierte er den Kutter einige Meter vom Steg weg. Manövrierte sich selbst einige Meter von der Welt weg.

Als Luiz die Augen öffnete, wanderte über dem ruhigen, lavendelfarbenen Wasser ein von den länglichen Lenticulariswolken betüpfelter, ockergelber Himmel. Ein Farbspiel, wie es nur in der Stunde vor der Abenddämmerung zu bewundern war und das Luiz darüber grübeln ließ, wie es wohl war, als Vogel zu schweben, als Fisch zu gleiten und in etwas vollkommenerem zu enden, als ein Mensch es vermochte. In Einklang zu enden. In Wasser, das der Himmel umarmte. Am Himmel, den das Wasser trug.

Luiz schwang das Steuerrad auf Kurs und blockierte es. Die abgetragene, an etlichen Stellen aufgeribbelte Wolljacke, die an einem Haken neben der Kabinentür hing, warf er sich über die Schulter. Er trat hinaus, machte eine Geste und Rafik und Manlak unterbrachen ihr angestrengtes Arbeiten an den Metallgestellen. »Geh ans Steuer«, befahl Luiz Rafik. »Musst nur dastehen. Nichts weiter. Du unter Deck. Kombüse«, sagte er an Manlak gewandt.

Rafik und Manlak legten die Drahtbürsten beiseite und taten, wie befohlen.

Luiz trat an die Rehling, beugte sich vor und floss einen Moment in allen Sinnen mit dem Wasser, das der Kutter seitlich wegschwemmte, das sich von ihm abspreizte, als wolle das Element nicht zu lange am irdischen, am von Hand entstandenen verweilen. Er schmeckte und roch das Salz, sah, spürte und hörte den triefend kühlen Quell. Dann ging er hinüber nach Steuerbord, dort stand der Sarg. Er zog sich einen Schemel heran und setzte sich, den Rücken an die schmale Seite des Sarges gelehnt. Er atmete ein.

»Wie fühlst du dich?« fragte Luiz.

»Gar nicht«, antwortete eine Stimme, die dem Klang des Fahrtwindes nacheiferte.

»Ja«, sagte Luiz. »So ist es immer. War es anstrengend, zu sterben?«

»Kaum mehr, als zu leben. Doch das Gefühl ist nur noch eine Erinnerung. Ich spüre es nicht mehr.«

»Ja«, wiederholte Luiz, »das ist immer so.« Am Horizont sah er den Steg und das Dorf kleiner werden, in seine Bedeutungslosigkeit schrumpfen, während Himmel und See in all der Schwere ihrer schier endlosen Kraft wuchsen.

»Wohin geht die Fahrt?« Die Stimme schwelgte in einer rasch verwehenden Brise und Luiz musste genau hinhören, um ihre Worte zu vernehmen.

»Wir fahren dorthin, wo deine letzte Ruhe wahrhaftig ewig und unberührt bleibt«, sagte Luiz.

»Ahhhh…« In einem langen Seufzton umhüllte der Luftstrom den Kutter, kräuselte sich um Luiz’ Nacken und schwoll sein Hemd um die Schultern auf. »Dafür haben sie sich für mich entschieden.«

»Du meinst, du hast dir diesen letzten Weg nicht selbst ausgesucht?«

»Nein. Ich bin unerwartet und plötzlich gestorben. Ich hatte nie Zeit, mir um den letzten Weg Gedanken zu machen. Wollte keine Zeit haben…«

»Wie ist dein Name? Ich bin Luiz Arreibal Yunus.«

»Lairwa Bessi«, strömte es durch den Windhauch. »Ist mir dieser Name jetzt noch eigen? Ist er mir geblieben?«

»Er wird dir auf alle Zeit bleiben«, sagte Luiz. »Der Wind und das Wasser werden ihn für die Ewigkeit bewahren und ihn immer weiter flüstern.«

»Das ist eine schöne Vorstellung. Bist du es, der mich zur Ruhe betten wird?«

»Ja. Mit meinen Gehilfen. Rafik und Manlak.«

»Seid ihr Männer der Kirche?«

»Nein, ganz und gar nicht«, sagte Luiz spöttisch. »Rafik und Manlak würde man vor den Toren der Kirche abweisen. Und ich würde davor nicht auftauchen.«

»Was ist mit meiner Familie? Begleiten sie uns?«

»Nein, niemand außer uns begleitet den letzten Weg. Sie haben sich auf dem Festland von dir verabschiedet.«

»Sind sie alle gekommen?«

»Ja«, sagte Luiz. »Da war deine Schwester, dein Mann, euer Sohn, eure Tochter und ihre Söhne.«

»Wie selten hat uns das Leben vereint«, sagte sie, ohne Wehmut, doch der Mistral wurde nun böig, wo das Ufer kaum noch zu sehen war und das Meer sich öffnete, wie die Arme einer Mutter, die ein lang vermisstes Kind begrüßte. Luiz fröstelte. Er zog die Strickjacke über und drückte sich in die Höhe. Das gesättigte Ocker des Himmels wandelte sich im Rücken des verwischenden Landes zu einem blühenden Orange, dessen Knospe, die Sonne, einen wabernden, fragilen Teppich über das Meer wob. Mit jeder Wellenbewegung brach er auf und unter der Grobkörnung glommen Sprenkel von umfassendem Blau, die Luiz verrieten, dass die tatsächliche Welt über und unter ihm aufwallte, nicht jedoch auf seiner Ebene dazwischen. Diese vollkommene Vielfalt, die nur im Anfang und am Ende existierte, die nie in dem entstehen konnte, was bloß dazwischen lag.

»So ist es eben«, sagte Luiz. »Das Leben folgt einer Linie auf fester Bahn. Manchmal schneiden sie sich. Sie liegen eng beieinander. In der Breite reichen die Linien aller Menschen von der Spitze des höchsten Berges bis auf den Grund der tiefsten Höhle. Kein Mensch geht darüber oder darunter hinaus. Manchmal, wenn sie sich zufällig treffen, wird aus Zweien eine Linie. Meistens nicht. Oder sie spalten sich nach einer Weile wieder voneinander ab. Jede weitere Begegnung wäre dann nichts weiter als Glück.« Er trat zurück an den Sarg, legte beide Hände darauf ab. Auch das zuvor erwärmte Holz wurde vom Mistral bereits ausgekühlt. »Die Menschen meinen, in ihren Leben ginge es auf und ab. In Wahrheit folgen sie alle nur ihrer Linie. Erreichen irgendwann ihr Ende und wissen, wie du, dass sie kaum jemanden wirklich gefunden haben, dass sie mit niemandem wirklich etwas verband.«

»Warum tust du, was du tust?« fragte sie unvermittelt. »Warum bettest du die Toten nieder?«

Luiz zögerte. Es kam nicht oft vor, dass die Toten ihm Fragen stellten, die nichts mit ihnen selbst zu tun hatten. »Ich begegne euch am Ende eurer Linien«, sagte er dann. »Dort, wo ihr ausbrechen könnt. Wo es möglich ist, euch in andere Richtungen zu bewegen. Und ich möchte dich fragen, wie ich alle vor dir gefragt habe und jeden nach dir fragen werde. Wohin bewegst du dich, Lairwa Bessi? Zu welcher Form wandelt sich deine Linie?«

»Was bringt es dir, von den Toten die Antwort auf deine Frage zu sammeln?«

»Hoffnung«, sagte Luiz. »Die Hoffnung, beizeiten meine eigene Linie verlassen zu können. Auszubrechen.«

»Und du sagst, die Möglichkeit dazu biete der Tod? Das kannst du nur sagen, falls niemals jemand deine Linie gekreuzt hat. Du nie erfahren hast, wie verbunden zwei Linien tatsächlich miteinander seien können und wie sie einander zu wandeln vermögen.«

»So ist es«, gestand Luiz. »Das habe ich nie. Das haben die wenigsten.«

»Entgegen deiner Vermutung habe ich es.«

»Aber gerade noch sprachst du davon, dass deine Familie selten vereint war.«

»Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht in jedem Moment nah und verbunden gewesen wären.«

»Daran glaubst du?« fragte Luiz skeptisch.

»Das ist keine Frage des Glaubens. Sondern eine des Fühlens. Ein Gefühl, an das ich mich so stark erinnern kann, als wäre ich lebendig und erlebe es leibhaftig. Sag mir noch einmal, Luiz. Warum fährst und bettest du die Toten?«

Luiz wurde starr. Die Jacke enger um sich schlingend kreuzte er die Arme vor der Brust. Am Firmament, dem sich der Bug des Kutters entgegen schob, richtete sich die klare Nacht auf, von einem dunklen Blau, tiefer noch als jenes des Meeres. Es steigerte die Macht des Mistral. »Weil ich nur dort fühlen und Gefühle geben kann, wo nichts anderes es vermag. Von den Empfindungen anderer verstehe ich nichts. Woher sie kommen. Was sie bedeuten. Wie ich sie aufnehmen soll. Wie ich sie beeinflusse.«

Der Mistral blies ihm einen harten Stoß ins Gesicht und ein Schauder raste über Luiz’ Glieder. Seine Hände schlugen fessellos gegen den Sargdeckel. Augenblicke vergingen, bevor zögernd Rafik neben dem Kapitänshäuschen erschien.
»Geht es euch gut, Kapitän? Ich habe…«

»Ja verdammt«, brüllte Luiz. »Ans Steuer mit dir, wir sind bald da.«

Geduckt schlich Rafik zurück auf seinen Posten. Erfüllte den Nutzen, dem Luiz ihm zuwies.

Der Kutter schwankte und von unter Deck hörte Luiz Geschirr klirren. »Gib acht auf mein Hab und Gut, Manlak«, rief Luiz erbost. Für Sekunden rang er um seine Fassung, ließ sich dann auf den Schemel fallen und drückte die Hände vor den Mund. Nichts mehr sollte ihm in Richtung der beiden räudigen Gestalten entwischen, keine Regung, keine Teilnahme.

»Mag es sein, dass du es nur nicht sehen kannst?« ertönte es im Schneiden des Mistral.

»Was meinst du?« Luiz Gedanken hatten sich verknotet, ein wirres Werk aus Gewissheiten, die es auf einmal nicht mehr zu geben schien.

»Drei Männer fahren auf diesem Schiff«, sagte sie. »Luiz, Rafik und Manlak. Sie fahren mit den Toten. Sie folgen alle drei ihrer einen gleichen Linie. Wie käme es dazu, seien sie nicht durch etwas verbunden? Warum sind sie bei dir? Warum fahren sie mit dir? Was bedeutet es ihnen, die Toten zu fahren?«

»Darüber spreche ich nicht mit ihnen«, antwortete Luiz. »Ich gebe ihnen Befehle. Mehr bekommen sie nicht von mir.«

»Du solltest mit ihnen sprechen. Du würdest feststellen, dass es nicht die Toten sind, die durch den Wind sprechen. Es sind die Vorstellungen, die Wünsche, Träume und Sehnsüchte der Lebenden und jener, die wahrhaftig gelebt haben, die darin widerhallen. Meine Familie wird meinen Namen im Wind hören und nicht er ist es, der mich an die Ewigkeit bindet. Es sind die Gefühle, die ich jenen hinterlasse, die ich liebe und die mich lieben und an die sie sich erinnern, wenn sie meinen Namen hören. Auch du solltest dem Wind etwas hinterlassen, dass er für dich weiter tragen kann, Luiz.«

»Gestatte mir noch eine Frage«, bat Luiz, richtete sich verwirrt auf. »Wer warst du vor deinem Tod? Was hast du getan?«

»Ich habe gelebt. Mit allem, was das bedeutet.«

Der Mistral stemmte sich gegen ihn, während der Himmel schwarz wurde, gekörnt von Sternen, und Luiz trat zurück, breitete seine Arme aus und schloss die Augen.

Als er sie öffnete, ragte jenseits des Bugs ein Torbogen auf. Rafik läutete die Schiffsglocke. Sie hatten die Insel erreicht. Manlak kam an Deck und Luiz löste Rafik am Steuer ab.

Der Kutter hatte wenig später angelegt und über die Planke schafften sie den Sarg auf die Insel. Aus einem Schuppen nahe dem Landungssteg holte Rafik einen Karren, auf dem dicke Stricke lagen. Sie luden den Sarg auf. Vor dem Torbogen wartete der Friedhofswärter, ein lederhäutiger Mann, der in einem kleinen Häuschen an der Südküste der Insel lebte und sich ihnen anschloss. Sie schoben den Karren schweigend vorbei an marmornen Steinen, einfachen Holzkreuzen und Blumenbeeten. Als sie die ausgehobene Grabstelle erreichten packten sie die Stricke, hakten sie in Ösen an der Seite des Sarges und ließen ihn in die Erde hinab. Sie entfernten die Balken, die die Öffnung stabilisierten, griffen nach Schaufeln und füllten die feuchte Erde in das Loch.

»Kein Stein, kein Kreuz?« fragte der Friedhofswärter anschließend.

»Sie ist plötzlich gestorben«, sagte Luiz. »Die Familie wird in den nächsten Tagen einen Stein aussuchen. Wir werden ihn herbringen.«

Mit einem Raunen verabschiedete sich der Wärter.

Luiz, Rafik und Manlak standen vor dem frischen Grab. Seine Gehilfen schienen unschlüssig, wollten sich abwenden, gehen und ihre Pflicht tun, doch mit einer knappen Geste bedeutete ihnen Luiz, stehenzubleiben und näher zu ihm zu treten. Er musterte Rafik. Klein, das Rückgrat gekrümmt, die Nase gebogen, das Haar fettig. Aber er war hier bei ihm. Dann musterte er Manlak. Grobschlächtig, plumpe Züge, arm an Verstand. Aber er war hier bei ihm.

Das raue Heulen des Mistral verschluckte Luiz Worte und nur Rafik und Manlak konnten sie verstehen. Der Mistral trug sie fern von Lairwa Bessis Grab über das Meer und als der Kutter sich auf den Rückweg machte hallten sie dort wider, für jetzt und die Ewigkeit.

Die Stimme des Mistral, geschrieben im Dezember 2007

2 Kommentare zu “Die Stimme des Mistral (Kurzgeschichte)

    1. Danke. Für eine von den älteren Geschichten, die ich so im Schrank hab, ist diese hier tatsächlich wohl noch ganz brauchbar… 😉

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