Filmkritiken

Ewige Jugend (Filmkritik)

Die Story

Aus guter Gewohnheit der vergangenen Jahre verbringt der Komponist und Dirigent Fred Ballinger einen ausgiebigen Wohlfühlurlaub in einem luxoriösen Kurhotel in den Schweizer Alpen. Gemeinsam mit seinem besten Freund, dem Regisseur und Drehbuchautor Mick Boyle, der mit einem Team von Autoren sein letztes bedeutendes Werk zu vollenden versucht, verbringt Fred seinen Ruhestand zwischen Wanderungen durch die malerische Landschaft, Massagen, ärtzlichen Untersuchungen, altersbedingten Problemen beim Wasserlassen und kleinen Beobachtungen der übrigen wohlhabenden Gäste, Prominenten und Kunstschaffenden. Zu denen gehören zum Beispiel der ambitionierte Schauspieler Jimmy Tree, der den Ruhm seiner populärsten und für ihn persönlich minderwertigsten Rolle abzustreifen versucht, der fettleibige Fußball-Weltstar Diego Maradona, die makellos schöne Miss Universe und auch Freds Tochter und Assistentin Lena, die von jetzt auf gleich von Micks Sohn für Popstar Paloma Faith sitzengelassen wird. Und dann sucht Fred ein Abgesandter der Queen auf, die ihn für ein letztes Konzert gewinnen möchte…

Die Filmkritik

Woran liegt es wohl, das „Ewige Jugend“ neben den Mainstreamselbstgängerthemen wie Comicverfilmungen und „Star Wars“ zu den meistgegoogelten Filmen auf meiner alten Seite Cellurizon gehörte? Am Interesse des Netzes am Folgefilm des Neapolitaners Paolo Sorrentino nach der Oscar-prämierten High Society-Dramödie „La Grande Bellezza“? An einer Sehnsucht des Publikums nach Altherren-Tragikomödien? An der Neugierde auf neue Projekte hochgelobter Darsteller wie Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz und Paul Dano? Nein, sorpresa sorpresa, es liegt einzig am Mitwirken und am knackigen Nacktauftritt des rumänsichen Models Mădălina Diana Ghenea, mit dessen bezaubernder Rückansicht „Ewige Jugend“ (im Original etwas weniger hochtrabend „Youth“ betitelt) ja bereits auf seinem Poster wirbt. Doch die Vergänglichkeit des exotischen Reizes der barbusigen out of this world-Anmutigkeit der Osteuropäerin und die Such(t)maschinennutzung, mit der danach gelechzt wird, passt irgendwie ganz wunderbar zu Sorrentinos pointiert-melancholischer Lebensabend-Betrachtung.

„Ewige Jugend“ ist eine einnehmende Meditation in Klang und Bild, mit gewitzten Dialogen und ausgesuchter Schönheit, die Sorrentino in der malerischen Landschaft der Schweizer Alpen-Panoramen ebenso entdeckt, wie in vielfältigen kleinen und nebenbei beobachteten Momenten, die sein Handlungsmosaik zusammenfügen, dessen roter Faden nicht straff gespannt ist, sondern ausgefranst und jeden Seitenblick wert. Nicht nur den auf Gheneas Miss Universe-würdige Rundungen. Alte und weniger ansehnliche Körper, die über das Fließband einer Wohlfühl-Manufaktur gleiten, faltiges, runzliges und schlaffes Fleisch, in dessen Berührung eine zahnspangenjunge Masseuse eine intime und sinnliche Befriedigung erfährt, ein karikaturesk überfetteter Diego Maradona (gespielt von Roly Serrano), der noch immer fit am Ball ist, ein sich über Tage bloß anschweigendes Ehepaar, das sich im Wald in lautstarker Ekstase die Leidenschaft in ihre vertrocknete Liebe zurückvögelt – „Ewige Jugend“ steckt voller Reize…

…und voller liebevoller und trauriger Anekdoten über das Alter, das Vergangene, das Vergessene, den Wert von Erinnerungen und die Bedeutung der Zukunft für ein Leben jenseits der siebzig, achtzig vollbrachten Jahre. (Alb)Träume vom Hinterlassenen, panische Popsong-Visionen vom eigenen Ungenügen an der Schwelle von Vollendung und der Frage nach dem Weitermachen. Die Kunstfiguren in einem Kunstwerk von Film werden von Caine, Keitel, Weisz, Dano und den unzähligen Nebengestalten zu charmantem Leben innerhalb dieses manchmal surrealen Kurhotel-Sammelsuriums erweckt, den beiden Altstars beim Spielen zuzusehen ist ohnehin die reinste Freude und sie verleihen Sorrentinos beschwingtem Script mit seinen teils altbekannten Konflikten (Künstler lebt nur für die Kunst auf Kosten seiner Familie, Künstler hadert mit der Krönung seines Vermächtnisses) eine Tiefe und erstaunliche Wahrhaftigkeit, etwa wenn Oscar-Preisträgerin Weisz einen emotional durchdringenden Monolog hält, bei dem Kamera und Zuschauer unbeweglich-gebannt an ihren Lippen verweilen.


In den kleinen Episödchen und der ummantelnden geriatrischen Fürsorge des Films für seine Protagonisten schwingt zwar stets ein ♫men men men men, manly men♫-Machismo der „Two and a Half Old Men“ Caine, Keitel und Dano mit, die die Frauen in ihrem Leben in den Hintergrund ihrer Schaffenskraft oder zu deren Ausstellungsstück gemacht haben, während einer vermeintlich naiven Erscheinung wie sexy Miss Universe und ihrer Bemerkung, ein Filmstar werden zu wollen, natürlich mit vergifteter Ironie begegnet wird. Doch Sexualität, Sexualisierung, Lusterfahrung und die Fetischisierung der Frau über Generationsgrenzen, Erinnerungen, Trauer und ihren Selbstbeweis der Beischlafkompetenz hinweg, das ist in „Ewige Jugend“ keine anzüglich-verkrampfte Schlüpfrigkeitenposse im Festhalten an patriarchalischen Ordnungen, die Lust und der trügerische Schein des Reizes werden von Sorrentino nicht mit Würdeverlust oder plumpen Greisenphantasien aufgearbeitet. Eine stille oder auch mal hechelnde Begierde im Alter wird allzu oft gesellschaftlich tabuisiert, als „abnorm“ wahrgenommen…

…doch in Sorrentinos Film geht es dabei um ein Empfinden von Schönheit, die Suche nach Nähe, wenn Keitels verzagender Regisseur eine schüchterne Prostituiere zu einem Spaziergang bittet, das Bedauern vergangener Sünden und tiefer Eingeständnisse von Versagen, aber auch von den Dingen, die man anderen zu Liebe tut und vor ihnen zu lange verschwiegen hat. Oder um eine Miss Universe, die eine schlagfertige Psychoanalyse parat hat, wenn man ihren Intellekt unterschätzt. Kunstvoll und die Realität ein ums andere mal austricksend und überhöhend, sie träumerisch übersteigernd schafft Sorrentino mit „Ewige Jugend“ ein fleisch- und vielfarbiges Filmgemälde, Musik geht in Bilder über, Bilder schmilzen in Musik, Klänge und Songtexte hinein, Szenenfolgen und -übergänge widersetzten sich der Vorhersehbarkeit und überraschen immer wieder mit kleinen Einblicken in die Tragik und Komik dieser und jener Figur. Tolles, berauschendes Werk. Und natürlich die nackte Mădălina Diana Ghenea, liebe Googler, die ihr mit dieser Begriffsfolge auf diesem Beitrag gelandet seit. Guckt euch den Film an und nicht nur die Titten! 😉

Wertung & Fazit

Wunderbare Altherren-Dramedy, die lust- und humorvoll, aber auch melancholisch und betrüblich über Vergangenheit und Zukunftsaussichten der Altgewordenen erzählt und mit tollen Schauspielern gefällt. Sehr schöner Film zum Wegschwelgen und doch angeregt werden (letzteres nicht nur von Mădălina Diana Gheneas Brüsten). 8,5/10

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