Filmkritiken

Joy (Filmkritik)

Die Story

Joy Mangano wächst in den 1960/70ern in einfachen Verhältnissen in einem kleinen Arbeiterkaff auf Long Island auf. Schon in jungen Jahren ermutigt ihre fürsorgliche Großmutter Joys außergewöhnlich aufgeweckten und erfindungsreichen Geist, doch die Träume und Hoffnungen des Mädchens stehen plötzlich ganz weit hinten an, als ihre Eltern sich scheiden lassen, ihr Dad, der hemdsärmlige Autoteilehändler Rudy, sein Glück mit anderen Frauen versucht, und ihre Mutter Terry sich in sich selbst zurückzieht und die Tage apathisch in ihrem Bett vor billigen Soap Operas verbringt. Zwei Kinder und eine zerbrochene Ehe mit dem venezuelanischen Sänger Tony später muss Joy mit knappen Mitteln für ihre ganze Familie sorgen und als sich dann auch noch Rudy nach der nächsten gescheiterten Ehe im Keller ihres heruntergekommenen Hauses neben Tony einrichtet hat Joy endgültig das Gefühl, von der Belastung erdrückt zu werden. Eine spontane Produktidee allerdings, die ihr beim lästigen Auswringen eines Wischmops in den einst so kreativ blühenden Sinn kommt, könnte ihr Leben komplett verändern…

Die Filmkritik

Bei Jennifer Lawrence läuft’s. Die hockt souverän im Spagat mit dicken Blockbuster-Franchises wie „The Hunger Games“ und „X-Men“ auf der einen und ’nem Oscar-Abo auf der anderen Seite, hat mit ihren Filmen mit Mitte Zwanzig weltweit bereits über $4,7 Milliarden eingespielt und rekordverdächtige vier Nominierungen (bei einer Auszeichnung) für den Goldmann eingeheimst. Die frech-görige und natürlich-sympathische Actrice lebt ’nen Traum, der ihrer Figur aus David O. Russells „Joy“ wie eine Parallelwelt vorkommen muss: das halbfiktionale BioPic über die Miracle Mop-Erfinderin ist über die längste Strecke seiner zweistündigen Laufzeit eine freigeistdekrementierende Ode der vergeblichen Mühen, des Ankämpfens gegen Ungerechtigkeiten im unglamourösen Leben einer Hausfrau, die von ihren Verpflichtungen wie in einem Seelenkerker gefangen ist. Und denoch ist das ein Film voller Energie und Joy, also Freude.

Drei ihrer vier Academy Award-Nominierungen verdankt Lawrence ihren Rollen in den eigenwilligen Filmen des David O. Russell und nachdem sie in der Meta-Romantic Dramedy „Silver Linings Playbook“ gleichberechtigt neben Bradley Cooper und im ABSCAM-Absurdikum „American Hustle“ kleinerer, aber sich keifend Gehör verschaffender Teil eines ganzen Ensembles war, stellt der New Yorker sie diesmal voll ins Rampenlicht. Um „Joy“ gab’s zwar ’ne wiederkehrende Debatte wegen der Differenz zwischen JLaws tatsächlichem und ihrem on screen-Alter (eigentlich ist sie für jede ihrer Rollen in Russells Filmen und im Verhältnis zum männlichen love interest locker zehn bis fünfzehn Jahre zu jung gewesen) und wer Böses will könnte meinen, sie wird nur aufgrund von Knackigkeit und Popularität besetzt, doch das beschädigt nicht die Wahrhaftigkeit ihrer Performance: die real life- und die Leinwand-Lawrence orgelt die überwältigenden und subtilen Töne der Gefühlklaviatur so gekonnt wie derzeit kaum eine andere Schauspielerin rauf und runter.

Couragiert, mit gewohnt heißer Flamme unter’m Hintern und schnutenziehender Unnachgiebigkeit, sprichwörtlich himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt trumpft die Lawrence einmal mehr voll auf, Schauspiel am emotionalen Extrem, das auch beim dritten Mal noch ganz wunderbar zu den typischen Russell-Ingredienzien passt: wie in „Flirting with Disaster“, dem Box-Drama „The Fighter“ und „Silver Linings Playbook“ greift auch „Joy“ das Konzept der dysfunktionalen Familie auf, die vom Protagonisten wie von abblätternden Tesastreifen zusammengehalten wird und der er doch entwachsen muss, um das eigene Glück zu finden – die leiblichen Eltern, einen Welterweight Championship-Gürtel, die Liebe oder eben Patente auf nützliche Haushaltsgeräte. Aus problembeladener Familienbande entspringen kleine wundersame Schicksalsfügungen und umso freudvolleres Erfahren des eigenen Glücks.


Eines ist dabei klar: wer mit Russells Art, diesen oft operettenhaft emotionalen Ausbrüchen und Verwicklungen, den Meta-Ebenen und dem aufgeregten Gekeife seiner White Trash-, von Psychosen geplagten und Lebensbürden gestressten Figuren, wer mit all dem nichts anfangen kann findet auch bei „Joy“ nicht seinen neuen Lieblingsregisseur. Russell ist so ein bißchen der Baz Luhrmann („The Great Gatsby“, „Moulin Rouge“) für die ordinary people/working class im ekstatischen Ereifern, in der Spontanität von Erzählstrukturen und Bilderstürmen, die sich im Vergleich zum Australier in Pomp und Glorie unterscheiden, aber nicht in ihrer Wucht und Schönheit. Gerade „Joy“ wohnt ein Touch von Märchenhaftem inne, die liebevolle Oma der Titelfigur erzählt die Story des Films aus dem Off mit der Herzlichkeit, mit der Großmütter ihren Enkeln eine Zubettgehgeschichte vorlesen.

Fatale Wendungen, Schicksals- und Rückschläge prasseln indes im nicht enden wollenden Fluss einer Telenovela auf Joy ein, wie in einer dieser überkonstruiert-melodramatischen Fernsehschmonzetten, die ihre Mutter mit flammendem Eifer für die Heldin und die Joy bis in ihre Albträume verfolgt. Die reinigungsrevolutionierende Erfindung eines selbstauswringenden Wischmops zwirbelt Russell zu einem schicksalhaften Geflecht aus Patenturheberschaften, den Erbschaftsgeldern einer kapitalstarken Witwe, Krediten, Schulden, Misstrauen, Ideendiebstahl, Insolvenzanträgen und so weiter auf, das er mit einer fiktiven, von Neid und Missgunst zerfressenen Halbschwester gar noch um eine DER Seifenopern-Stereotypien erweitert, um das Drama weiter zu potenzieren und die Hindernisse vor Joy noch höher zu türmen.

Und wenn Joy sich dann schließlich befreien kann aus dem Kreislauf der Soap Opera-Dramaturgie ist das nur noch verdienter und sogar ein bißchen ergreifend, wie am Schluss von „Silver Linings Playbook“, als ein total klischeetriefendes Ende unerwartet zu Tränen rührt. Russells aus den Fortsetzungsroman- und TV-Schund-Formaten entlehnte Kniffe haben ihren Zweck dann erfüllt, „Joy“ ist die meiste Zeit kein gute Laune-Film, hat eher einen »I’m sorry for her, but I feel good about it«-Vibe. Der Hang zu Pulp-Diktion und Märchenerzählung im so halb und halb authentischen Portrait einer gestressten Familien-Äquilibristin und self made-Millionärin, verbunden mit dem Milieu der Teleshopping-Unternehmen, verfasst in Russells schräger Handschrift, die für manche kaum zu entziffern ist und für andere einen kalligraphischen Sehgenuss bietet – das alles macht aus „Joy“ eine vergnüglich-tragischkomische Reise.

Fazit

Von der Russell/Lawrence/De Niro/Cooper-Trilogie kam das halbfiktionale Wischmop-BioPic „Joy“ klar am schlechtesten bei Kritik und Publikum an – ich fand den aber genau wie „Silver Linings Playbook“ und „American Hustle“ sehr gelungen, sowohl als Demontage dramaturgischer Genregesetze (in diesem Fall Soap Operas), wie auch als emotionsgeladene Geschichte mit schräg-liebenswerten Charakteren. Klasse gespielt sowieso. 8,5/10

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