Filmkritiken

Nightcrawler (Filmkritik)

Story

Los Angeles: Louis Bloom will Karriere machen – doch außer einem Online-Betriebswirtschaftsseminar hat sich bislang nichts ergeben und statt eines echten, karriereversprechenden Jobs hält Lou sich mit Diebstählen und dem fintenreichen Verscherbeln der Beute über Wasser. Bis er eines Nachts zufällig über seine persönliche Offenbarung stolpert, als er ein Zweimannteam von Kameraleuten beobachtet, die bei einem Verkehrsunfall an möglichst sensationsheischendes Bildmaterial zu kommen versuchen. Die Prämisse der abnehmenden Lokalsender und ihrer Frühstücks-News-Formate: je drastischer die Einstellungen, je besser, sprich quotenförderlicher. Lou besorgt sich das notdürftigste Equipment, einen Camcorder und ein Funkgerät, um die Frequenz des LAPD abzuhören, und macht sich ans Werk. Seine schonungslose und rationale Art im Umgang mit blutigen Tatorten und Opfern begeistert die erfahrene News-Produzentin Nina Romina und der ehrgeizige und hartnäckige Lou steigt schnell zu ihrem wertvollsten Freelancer auf. Doch die Konkurrenz der Nachrichtenjäger auf L.A.’s nächtlichen Straßen und die Jagd nach immer heftigeren Bildern treibt den völlig empathielosen Lou in seinem Karrieredrang weiter, als Nina es erahnen könnte…

Die Filmkritik

Jake Gyllenhaal war ja nie nur der Blockbuster-Hans, kommend vom Indie-Kult „Donnie Darko“ folgte jedem „The Day After Tomorrow“ ein „Brokeback Mountain“, jedem „Prince of Persia: The Sands of Time“ ging ein „Brothers“ voraus. Doch eben seit der (zu Unrecht) gefloppten Videospieladaption hat der Spitzbube prinzipiell überhaupt keinen Bock mehr auf Big Budget und Tentpole. Stattdessen fordernde Rollen mit Ecken und Anspruch und Regisseure, die den Sunnyboy, der sich so leicht auf seinem Aussehen und RomCom-Konventionen ausruhen könnte, aus seiner Komfortzone pushen. Das begann mit David Ayers unerbittlichem Cop-Thriller „End of Watch“ und ging weiter mit Performances für Denis Villeneuve und dessen Krimi-Bravourstück „Prisoners“ und dem Psychospiel „Enemy“. Fahl, mit manisch aufgerissenen Augen und um dreißig Pfund abgemagert liefert Gyllenhaal nun allerdings mit Dan Gilroys „Nightcrawler“ seine Meisterprüfung ab.

Vom Lausbengel mit Muckibody, der noch vor einem Jahrzehnt in den Hauptrollen von „Spider-Man“, „Batman Begins“ und „Superman Returns“ hätte landen können und der gerade erst DCs „Suicide Squad“ von sich aus absagt hat, ist in „Nightcrawler“ nichts geblieben. Gyllenhaal hat sich stetig hin zu einem Schauspieler entwickelt, der einen Film beherrschen kann, und das nicht als er selbst, sondern als die Figur, hinter der der Star Jake Gyllenhaal verschwindet. Eine Hungerskur, ein anhaltender Tag-Schlaf/Nacht-wach-Rhythmus, Mitfahrer bei echten Nightcrawlern auf Bilder- und Schlagzeilenjagd – das erinnert in Gyllenhaals Vorbereitungsakribie an den frühen Robert De Niro und der Vergleich von „Nightcrawler“ mit Martin Scorseses „Taxi Driver“ findet sich vielfach in den Besprechungen zu Gilroys L.A.-Thriller wieder. Kann wohl sein, dass „Nightcrawler“ der Film des 21. Jahrhunderts ist, der dem 1976-Meisterwerk am Nächsten kommt.

Beide mehr als beunruhigende Studien ihrer jeweiligen, aufeinander aufbauenden Gegenwartskulturen, mit Hauptfiguren wie urbane Mythen, an die man kaum zu glauben wagt, Travis Bickle und Lou Bloom, Ritter einer abartigen (Selbst-)Gerechtigkeit, die durch den sozialen Zirkel und verrohte Submilieus (das Post-Vietnam-Amerika, die Politik und Prostitution in „Taxi Driver“, die Medien und das Internetzeitalter in „Nightcrawler“) auch noch auf anwidernde Weise gerechtfertigt werden. Eine Umwelt, eine Zeit, die zwei bis ins Extrem ausbrechende Soziopathen gebiert und aufpäppelt, zu Helden wachsen lässt, den menschenverabscheuenden Taxifahrer in New York, den menschengleichgültigen Newshunter in Los Angeles. Die Straßen, diese besondere Faszination der Megametropolen, des Big Apples und der Stadt der Engel, ein eigener Charakter, während Bickle und Bloom in ihren Autos lauern, genau hinsehen, genau hinhören, warten, zuschlagen.

Gyllenhaals Bloom ist ein Wiesel, das sich anzupreisen und einzuschmeicheln versteht, wenn er meint es zu müssen, wenn Menschen seiner Beobachtung nach in ein Raster fallen, das sie anfällig macht für ein breites Grinsen, ein Kompliment. Die hereinfallen oder die sich für seine Zwecke erpressbar machen, wenn Bloom aus beharrlicher Zielstrebigkeit, einer erschreckend rationalen Empathielosigkeit und den Lehren eines Online-Seminars und dem autodidaktischen Wissen seiner Internetrecherchen ein Selbstbildnis formt, aus dem Wiesel der Kojote wird. Ein Jäger und ein Aasfresser, seine Beute tragische Unfälle mit sendewürdiger Opferzahl, eskalierende Streitereien mit Schusswechseln, und bevorzugt: Tote, nein, ermordete Weiße in ihren Vorortspalästen. Bloom pirscht sich heran, richtet seine Kamera aus, schlägt zu, hemmungslos, bis das von ihm völlig emotionslos aufgenommene Grauen an den Frühstückstischen der Stadt für Entsetzen und Furcht sorgt.


»The best and clearest way that I can phrase it for you, to capture the spirit of what we air, is think of our news cast as a screaming woman running down the street with her throat cut.« Die Quote wird mit Blut gemacht, drangeblieben wird aus Panik, der Angst vor Tätern, der verlogenen Trauer um Opfer, die doch nur der bewusst geschürten paranoiden Vorstellung entspricht, selbst der nächste seien zu können. »Do you know what fear stands for? False Evidence Appearing Real.« Von jenen, die mit den drastischen Schlagzeilen ihr Geschäft machen, die sich die natürliche Furcht mit reißerischem Alarmismus zu Nutze machen, von denen handelt „Nightcrawler“ – und von dem Dämon, der ihnen die Bilder dazu liefert. Travis Bickle würde Louis Bloom verabscheuen. Diese abgestumpfte, www.-affine Selfmadefigur, die auf ihrem Erfolgsweg nicht nur über Leichen geht, sondern diese mit der kalten Technik in der Hand landesweit entwürdigt, wenn Bloom verstorbene Leiber filmt, sie am Unfallort in eine kameratauglichere, dramatischer zu arrangierende Position schleift, in ihre Häuser eindringt und anonymes Sterben für ein schockgeiles Publikum privatisiert und personalisiert – oder den Schwerverletzten in vollkommener Absenz von Mitleid beim Sterben zusieht, das Display ausrichtet und den letzten Atemstoß abwartet.

Bloom geht darin auf, der zuvor glücklose Eigenanpreiser findet die Branche und deren degenerierte Nische, in der er erblüht mit seinen Talenten und empfindungsarmen Persönlichkeit. Reputation und Verdienst steigen schnell, die alte Klapperkarre wird gegen ein Muscle Car getauscht, Blooms Erfolg ist eine so kinetische wie abstoßende from rags to riches-Story, Blooms Glückserlebnisse und Karrieresprünge unterlegt James Newton Howard mit Triumphklängen, wo eigentlich nichts als Anklage für dieses widerwärtige Subjekt überwiegen kann. Da spielt Gilroy ebenso hintergründig mit den schulterschlüssigen Mechanismen strukturverwandter Erbauungsfilme, wie er aus diesem halbsatirischen Szenario aus den dunkelsten Ecken der Menschlichkeit auch noch eine dubiose Love Story ableitet, die im Moment der unethischsten und skrupellosesten Skandalnews zu einem „romantischen“ Höhepunkt kommt.

„Nightcrawler“ ist das Negativ zu positiver und hoffnungstiftender Ermunterungsunterhaltung wie „The Pursuit of Happyness“ und handelt doch selbst nach den Mustern des Unterhaltungsfilms, mit bitterbösem Witz, atemstockender Spannung, einnehmenden Schauspielleistungen, einer perfekt eingefangenen Großstadtkulisse, L.A.-Eye Candy von Venice Beach bis in die Vororte – „Nightcrawler“ hat das alles und zeigt es in der pervertiertesten Art und Weise. Wie nah Gilroy damit am Puls der Pressearbeit liegt offenbart sich dabei nicht nur beim US-Fernsehen, sondern gerade auch an der aktuellen und scharf kritisierten, unpietätischen hiesigen Berichterstattung zum Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525, wo Opfer und Angehörige im Schlagzeilenwettlauf der Medien instrumentalisiert werden. Karriere macht, wer hart an sich arbeitet, so weit so gut. Karriere macht aber erst Recht, wer außerdem am weitesten zu gehen bereit ist. Bereit ist, einen Kreislauf in Gang zu bringen, in dem der Präsentator den Empfänger bis auf den blanken Nerv sensibilisiert, nur um ihn dann mit immer heftigeren Reizen bis zur kompletten Abstumpfung zu sterilisieren, um den nächsten Lou Bloom vorzubringen, der noch weiter zu gehen bereit ist. »What if my problem wasn’t that I don’t understand people but that I don’t like them?« Und das ist die erschreckende Gesellschaftsreflexion von „Nightcrawler“…

Fazit

Elektrisierender Großstadt-Thriller, bitterböse Gegenwartsstudie, entlarvende Medienlektion und brillant gespieltes, abgründiges Charakterdrama – „Nightcrawler“ wird in diesen Punkten vielleicht mal eine ähnlich nachhallende Bedeutung wie Scorseses „Taxi Driver“ haben. 9/10

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