Kurzgeschichten

Rachels Weg bis hoch zum Mond (Kurzgeschichte)

»Wisst ihr«, sagte Rachel Mingold und beugte sich über das schwach glimmende Feuer, »wenn es jemals ein Mensch bis auf den Mond schaffen sollte, dann wird es uns allen besser gehen.«

Die sieben Kinder und Jonah staunten, ihre ausgemergelten Gesichter reckten sich ihr wie ein Vogelschwarm Richtung Süden, Richtung Wärme, Richtung Hoffnung entgegen.

»Wie geht das, wie soll ein Mensch auf den Mond kommen?« fragte Emanuel.

»Wie, das kann ich euch nicht sagen«, gestand Rachel. »Für so etwas reicht mein Wissen nicht. Aber andere, die schlauer als ich sind, werden es herausfinden. Vielleicht bauen sie etwas, so riesig, dass man einfach hinauf gehen kann. Oder etwas, das einen hochschießt bis zum Mond.«

»Schießt wie ein Gewehr?« fragte Dana.

»Ja, wie eine Gewehrkugel würde man fliegen.«

»So wie die, die Papa in den Bauch geschossen hat?« fragte Jonah.

Rachel schlang die Arme um ihren Sohn, zog ihn auf ihren Schoß, hielt ihn fest. »Nicht ganz so eine. Solche Kugeln sollen den Menschen weh tun. Die Kugel, die jemanden zum Mond schießen könnte, würde die Menschen vor Leid bewahren.«

Der kahle Steinboden vibrierte, Mörtel bröckelte von der Decke, zerstäubte in der Luft und rieselte fein auf die verfilzten Haare der Kinder. Nur wenige Kilometer entfernt schlugen Bomben ein. Rachel sah besorgt auf. Sie löste ihren Blick ungern von dem der Kinder, denn in ihren Augen sah sie eher, als man es ihren Worten anhören konnte, ob sie durchhielten. Ob ihre Kräfte genügten, um dem standzuhalten, was ihnen noch bevorstand.

»Bleibt sitzen«, sagte Rachel, »haltet die Hände übers Feuer und wärmt euch ein wenig auf.« Sie setzte Jonah ab, zog sich an den Sprossen eines Messinggeländers in die Höhe und die Kinder rückten näher um die vergehenden Flammen. Auf einen splitternden Holzbalken gestützt wankte sie das Treppenhaus hinab. Sie war keine dreißig Jahre alt, doch ihr Körper fühlte sich an, als hätte er zwei Leben erdulden müssen. Sie war erschöpft von der Flucht, dem Verstecken, der Sorge.

Rachel trat auf den Absatz, der das Treppenhaus teilte, und an das halb geborstene Fenster. Sie lehnte sich auf den Fenstersims und sah hinaus in eine Nacht, die im Osten hell orangen glomm. Rachel wusste, dass sie mit den Kindern nicht mehr lange würde bleiben können. Der Bleihagel näherte sich von neuem. Käme Dieter nur endlich zurück. Der junge Deutsche, kaum ein Mann, dem sie ihr Leben verdankten, der sie über die bewachten Grenzen jenseits der ruinösen Stadt schleusen wollte. Dessen berechenbarer, rüder Wollust sie sich hingegeben hatte, um diese Hilfe zu erbetteln. Von dem sie sich demütigen ließ. Durch den sich die Gedanken an Ilan mit einem anklagenden Schmerz füllten, der sie die Wunden spüren ließ, an denen ihr Mann gestorben war.

»Geh, Rachel«, hatte er gesagt. »Geh, und rette um jeden Preis jedes Leben, das du finden kannst.«

Gefunden hatten sie und Jonah eine Gruppe von Kindern. Der Preis war gewesen, was sie einst nur Ilan versprochen hatte.

»Mama? Weinst du wieder?«

Sie erschrak, als Jonah neben sie trat. »Ist schon gut«, sagte sie und wischte abwesend mit dem Ärmel über ihre Wange und die Tränen reinigten ihre dreckige Haut und verschmutzten ihr Gewissen. »Was machst du hier? Es ist kalt am Fenster.«

»Wird niemandem mehr weh getan, wenn man einen Menschen auf den Mond schicken kann?«

Sie lächelte, soweit ihre steifen Lippen es zustande brachten. »Ja, Jonah, niemandem wird dann mehr wehgetan. All die Menschen, die heute verfolgt und getötet werden, können dem ersten Menschen folgen und sich auf dem Mond vor den bösen Menschen verstecken.«

»Folgen die bösen Menschen ihnen nicht auch dorthin?«

»Sieh mal«, begann sie, »auf den Mond zu reisen, das wäre ein Wunder. Und Wunder passieren keinen bösen Menschen. Wunder warten auf den richtigen Moment und, ist dieser gekommen, widerfahren sie nur den guten Menschen und gehören ganz allein ihnen.«

»Es wird nie wieder Krieg geben, wenn die Menschen zum Mond reisen können?«

»Nie wieder«, sagte sie. »Die bösen Menschen werden Angst vor diesem Wunder haben, sie fürchten sich vor allen wunderbaren Dingen und deshalb werden sie nicht versuchen, den guten Menschen auf den Mond zu folgen. Und eines Tages werden die guten Menschen in der Überzahl sein und die bösen Menschen werden ihre Kriege vergessen haben. Sieh auf zu ihm.« Sie deutete zum Himmel, an dem sich für Augenblicke Wolken und Rauch vom Wind verdrängen ließen und den Mond frei gaben. »Stell dir vor, das jemand dort oben steht und zu uns hinabsieht. Dir zuwinkt. Darauf wartet, dass wir zu ihm kommen.«

»Wartet nicht auch Papa dort oben auf uns?«

»Ja«, greinte Rachel und drückte ihn an sich. »Aber ich hoffe, dass er noch ein wenig länger auf uns warten muss.« Und dass er mir verzeihen kann, sobald wir uns wiedersehen.

Ein Poltern schallte das Treppenhaus empor, schreckte Mutter und Sohn und die Kinder am Feuer auf. Rachel lauschte. Erkannte, dass es mindestens zwei Stiefelpaare waren, die sich ihnen näherten. Es konnte nicht Dieter sein. Er würde niemanden mitbringen. Keinen Zeugen seiner Blutschande, wie er es nannte.

Rachel schob Jonah von sich und mit einem bestimmten Nicken gab sie ihm und den Kindern das Zeichen zur Flucht.

Lautlos stoben sie auseinander; sie hatten gelernt, lernen müssen, zu fliehen. Emanuel ging voran, er war der Größte von ihnen. Er öffnete die Tür zu der verwüsteten Wohnung zur Linken, in die sie nur im Notfall zu gehen beschlossen hatten. Dort drinnen hatten die, die sie verfolgten, die Leichen aus den oberen Stockwerken des gesamten Wohnblocks abgeladen, bevor sie zu plündern begonnen hatten. Mit einem bereitgestellten Eimer voll Schutt und Erde erstickte Jonah die Reste des Feuers, bevor er den anderen folgte. Er sah nicht zu seiner Mutter zurück. Rachel hatte ihm erklärt, dass er stets bereit sein musste, sich von ihr zu verabschieden und ohne zu zögern sein eigenes Leben zu retten. In ihrer Erschöpfung war sie für die Kinder mehr Last als Hilfe, wenn sie gezwungen waren, schnell zu handeln. Wie besprochen würden die Kinder sich unter dem Leichenberg verstecken.

Die schweren Stiefelschritte kamen näher und Rachel hörte, dass die Männer miteinander flüsterten, so leise, dass es unmöglich war, eine Stimme zu identifizieren. Äußerlich ruhig blieb sie am Fenster stehen, im Innern hingegen verdrehten sich ihre Eingeweide zu Knoten und Gewirr. Dennoch war auch sie bereit, sich jederzeit zu verabschieden, gab es nur die Gewissheit, dass die Kinder in Sicherheit waren. Zuviel hatte Rachel gesehen und erlebt, um sich vor dem Tod zu fürchten. Nur das Sterben machte ihr Angst. Sie hatte gesehen, wie Menschen durch Kopfschuss hingerichtet wurden. Schmerzlos, schnell. Und sie hatte Ilan gesehen, den sie für Stunden in den Armen gehalten hatte, ihre Hand auf die zerfranste Austrittswunde an seinem Bauch gelegt und dessen Leiden sich mit jedem Atemzug gesteigert hatten, bis er endlich gestorben war.

Die Stiefelschritte waren nur noch ein Stockwerk entfernt und Rachel setzte sich auf den Fenstersims, würde abfangen, was immer dort kam. Als die beiden uniformierten Gestalten um den letzten Treppenabsatz bogen, atmete sie gleichmäßig.

Die Dunkelheit verbarg ihre Oberkörper.

»Guten Abend, Rachel«, sagte einer der beiden und trat in den blassen, zu- und abnehmenden Schein.

Rachel stöhnte auf. »Dieter? Meine Güte, ich dachte… wer ist das?«

»Keine Sorge«, sagte Dieter und ein freches, beinahe noch kindsches Grinsen schob sich über sein glattes, wie von Schmirgelpapier bearbeitetes Gesicht. »Er wird uns helfen.«

Der zweite Mann trat an Dieters Seite und ein Lichtstreifen auf seinen Brillengläsern blendete Rachel.

»Warum hast du mir nicht gesagt, dass du jemanden mitbringst?«

»Hab mich spontan entschieden. Geht dich aber auch nichts an«, sagte Dieter und an seiner Überheblichkeit erkannte Rachel, dass er den Mund zu voll genommen hatte. Der junge Deutsche besaß nicht die Möglichkeiten, ihnen alleine zu helfen. Er brauchte selbst Unterstützung und dieser würde er wiederum irgendetwas versprochen haben.

»Der Mann heißt Klaus«, sagte Dieter.

»Freut mich«, sagte Klaus mit der Art süffisanter Abscheu, die auch in Dieters Stimme klang.

»Wie kann er uns helfen?« fragte Rachel.

»Klaus hat Talente«, antwortete Dieter achselzuckend.

»Wie kann er uns helfen?« wiederholte Rachel ungeduldig. Sie verabscheute den Hochmut des Deutschen, seine…

Unvermittelt trat Dieter auf sie zu und mit einer Bewegung, deren tödliche Präzision man ihm nicht zutraute, packte er ihre Kehle. Gewaltsam presste er ihren Kopf gegen die instabilen Reste der Fensterscheibe und das Glas knirsche und knackte. »Werd mir nicht frech, Judenhure«, zischte er und Splitter schnitten sie in Hinterkopf und Nacken. »Du wirst schon sehen, wie Klaus dir und deiner Brut helfen kann. Aber zuerst«, er schleuderte sie herum und vor Schmerz aufschreiend stürzte sie auf die Treppenstufen, die ins oberste Geschoss führten. »Zuerst tust du etwas für uns. Rauf mit dir.«

Auf allen vieren schleppte sich Rachel die Stufen hinauf. Einzelne Blutlinien liefen über ihren Rücken. Oben packte Dieter sie unter den Armen und drängte sie in die Wohnung zur Rechten. Flüchtig sah er zur Tür gegenüber, hinter der sich ihre Brut verstecken musste. Wieder grinste Dieter, bei dem Gedanken, sie alle verrecken zu sehen, sobald ihm das Spielchen langweilig werden würde. Ein, zwei Wochen würde er dem Weib noch vorgaukeln, ihr helfen zu wollen und sobald er ihren Körper satt hatte, würde er sie vor den Augen der Blagen töten.

Klaus folgte ihnen, während Dieter Rachel durch den dunklen Flur zerrte und in das verwüstete, nur von einzelnen Fäden bestrahlte Schlafzimmer stieß. Sie verlor das Gleichgewicht und prallte hart gegen das hölzerne Bettgestell. Hustend und keuchend drehte sie sich zu ihnen um. Klaus trat hinter Dieter vor, nahm im fahlen Licht seine Brille ab, die Rachel im Treppenhaus geblendet hatte… und sie erstarrte.

Ilan riss Jonah an sich. »Lauf, lauf!« rief er Rachel zu.

Sie sprangen aus der Deckung vor, überquerten die Straße, um sie her stoben Gewehrsalven durch die Gassen, ihre eiligen Schritte wirbelten Staub und Kiesel auf. Sie rannten in einen Seitenweg und drückten sich an die Mauer, Ilan hielt Jonah fest, der sein Gesicht unter dem Mantel des Vaters verbarg. Anstrengung und Furcht, nicht um sich, nur um seiner Familie Willen, zersetzten Ilans Züge und nur mit dem Blick der liebenden Frau erkannte Rachel ihn hinter dieser Maske der Tyrannei, als sie sich an ihn und Jonah drückte, sie sich küssten und ihre Hände über die Ohren des anderen legten.

Längst hatten sich ihre Tränen zu einem Strom der Verzweiflung ihrer- und des Trotzens seinerseits vermischt, als Ilan sagte: »Wir müssen weiter. Es ist hier nicht sicher.«

»Es ist nirgends sicher«, wimmerte Rachel. »Wohin sollen wir noch laufen?«

»Eines Tages werden wir bis hoch zum Mond laufen. Und frei sein. Glaub daran, meine Rachel, jedes Mal, wenn du aufblickst. Sobald der erste Mensch es auf den Mond schafft, wird es uns allen besser gehen.«

»Warum müssen wir es erst bis dorthin schaffen?«

»Weil die Menschen irgendwann erkennen werden, wie klein und unbedeutend sie sind. Sie werden begreifen, dass sie so winzig sind, dass sich die Kriege und das Töten nicht lohnen. Dass es sich nur lohnt, zu Leben. Jetzt komm weiter.«

Gegen die Wand geduckt folgten sie dem Seitenweg, der auf eine breite Hauptstraße führte. Ilan reichte Jonah an Rachel, die ihn wiegte und ihm leise vorsang. Ilan pirschte sich vor und spähte um die Mauer, die Hauptstraße hinab. Von weiter her brandeten erneut Gewehrsalven auf. Der unmittelbaren Gefahr schienen sie entkommen zu sein. Ilan wusste jedoch, der Schein konnte trügen und er legte keinen Moment die Vorsicht ab. Nur millimeterweise wagte er sich vor und inspizierte die Umgebung zu beiden Seiten genau und präzise, suchte nach Scharfschützen in Fensterrahmen, Grenadieren in Gräben, ehe er Rachel und Jonah zuwinkte. Gebeugt liefen Frau und Kind an ihm vorbei, Ilan konnte Rachel singen hören, dann zerbarst ein einzelner Gewehrschuss die Stille.

Außer Atem hastete Rachel in den nächsten Seitenweg, die Melodie des Liedes verflog in ihren heftigen Luftausstößen. Jonah klammerte sich um ihren Hals und sein bebender Körper meißelte seine ungebändigte Angst in ihren Brustkorb. Hinter einem Haufen aus Trümmern, der aus der Fassade des Hauses gesprengt worden war, setzte sie ihren Jungen vor sich ab. »W…wir schaffen es, mein Schatz, m…mach dir keine Sorgen, wir schaffen es«, sagte sie und wusste, dass sie es nicht vermochte, auch nur halb so überzeugend und zuversichtlich zu klingen, wie sein Vater es konnte. Ilan war es, der sie am Leben hielt, der sie ohne Essen sättigen, ohne Trinken vorm Verdursten bewahren und sie ohne Hoffnung ermutigen konnte. Sie, Rachel, war schwach und sie schämte sich, dass es noch nicht genug Schrecken gegeben hatte, ihr diese Schwäche auszutreiben, sie wachsen zu lassen. Was mussten sie erdulden, bis sie endlich Stärke zeigte? Dass sie befähigte, Ilan zu halten, wie er sie hielt. Jonah zu trösten, wie er es tat…

»Wo ist Papa?« fragte Jonah.

Da erst bemerkte Rachel, dass er noch nicht wieder bei ihnen war. »Bleib hier«, sagte sie, drehte sich zu dem Trümmerhaufen und spähte darüber.

Ilan stand in der Mitte der Hauptstraße. Komm schon, flehte sie stumm. Komm, um mich zu halten. Komm…

Er war stehen geblieben. Rachels Haut, aufgeheizt von Mühen und Strapazen, erkaltete. Ein unerbittlicher, grauer Frost drang in ihre Adern und Venen. Langsam, als strahle ihre Kälte auf die Welt über und gefriere sie, trat sie auf die Straße. Jeder Schritt ihm entgegen verfinsterte den Tag, reduzierte die Zeit, unterbrach mit einem Scherenschlag die Verbindung der Erde zur Sonne und tauchte Rachel in die Schluchten eines bodenlosen, ewig finsteren Abgrundes.

Sie stand zehn Schritte von ihm entfernt, als Ilan zusammenbrach.

»OH GOTT NEIN!«

Ihr flehender Schrei brach die Eiskruste auf und sie warf sich ihm entgegen. Er begrub sie unter sich und mühsam stemmte sie ihn halb in die Höhe, hielt ihn, stützte seinen Kopf, vergrub ihre Finger in seinen Haaren. »Nein… du… du darfst nicht…«

»Geh, Rachel. Geh, und rette um jeden Preis jedes Leben, das du finden kannst.«

Sie würde nicht gehen. Sie würde bis zum Schluss bei ihm bleiben. Fassungslos, urplötzlich am schlimmsten nur möglichen Ende angelangt, ihren geliebten Mann in eine letzte Umarmung geschlossen, die Stunden dauern sollte, hob sie die Augen über Ilans Schulter. Und sah dort, am Ende des Seitenweges, einen Mann, der die Waffe nun senkte, sich in dem Wissen, ihr einen Gefallen zu tun, würde er sie ebenfalls erschießen, umdrehte und davonging und von dem sie nun wusste, dass sein Name Klaus war.

Klaus erkannte sie nicht. Damals hatte er in ihren Augen die Pein einer letztlich gebrochenen Existenz gesehen, die Qual des Verloren gegangenen und den Wunsch, ihrem Mann zu folgen. Nun war es Hass; die unerschütterliche und entschlossene Wut einer Frau, deren schlimmstes Opfer zu ihrer größten Stärke gewachsen und einzig übrige Schwäche geblieben war.

Klaus runzelte argwöhnisch die Stirn und wich zurück.

»Was ist los?« fragte Dieter. »Du darfst zuerst, wenn du willst. Gefällt sie dir nicht? Mach dir nichts draus, sobald sie nackt ist sieht sie fast wie eine Deutsche aus.«

»Mit der stimmt was nicht«, sagte Klaus und setzte die Brille wieder auf, als wolle er sich vergewissern. »Guck hin, die ist irrsinnig.«

»Was meinst du? Die ist bloß…« Dieter verstummte bei Rachels Anblick. Sie hockte da wie ein wildes, ungezähmtes Tier, dem sie, zwei unbedarfte Jäger, in der Wildnis, in ihrem Revier begegnet waren. Ihre Hände zu Fäusten geballt, alle Muskeln angespannt.

»Was soll das, du…« setzte Klaus an und wurde völlig überrumpelt, als Rachel ihm entgegen hechtete, ihm mit einem ungebremsten, martialischen Zorn ihre Stirn auf den Nasenrücken schlug und seine Pistole aus dem Holster riss. Vor Verdutzen und Schmerz fluchend ging Klaus zu Boden, während Rachel herumwirbelte, jede Erschöpfung ignorierte und Dieter zweimal in den Bauch und eine dritte Kugel in den Kopf schoss. Tot sackte der Deutsche zusammen.

Rachel trat nach Klaus, der sich aufzurappeln versuchte und hielt ihm die Waffe vor das blutüberströmte Gesicht.

»Habt ihr uns jemals wirklich retten gewollt?« brüllte sie ihn an, bohrte den Lauf gegen seine Wange.

»Ja, was soll denn das?« winselte er. »Bitte… warum tust du das, wir wollten euch…«

Sie schoss ihm in den Bauch. Klaus kreischte und presste die Hände vor die tödliche Wunde, zappelte und wollte ihr entkommen, doch sie nagelte ihn mit dem Fuß am Boden fest. »Sag die Wahrheit, du elendes Schwein, du stirbst sowieso. Habt ihr uns jemals wirklich retten wollen?«

»Verdammt, warum tust du das? Ahhh! Warum tust du das?«

Ungerührt betrachtete sie ihn. Bar jeden Mitleids, jeden Empfindens, jedes Guten in sich…

…und in einem plötzlich über sie kommenden, überwältigenden Entsetzen begann sie zu weinen, das Gewicht ihrer Tat begreifend und ihren endgültig letzten Verlust beklagend… den ihrer selbst. Ihr Schmerz ob Ilans Tod, die finale Regung vor dem Vergessen, übertrug sich auf den Deutschen, erstarb in ihr mit jeder Sekunde seines Todeskampfes und sie fühlte, dass er ihr Ilan ein zweites Mal nehmen würde, beendete sie es nicht. Etwas musste sie behalten, musste in ihr bleiben.

»Sag es mir«, schluchzte sie, »wolltet ihr uns retten?«

»Nein, Judenhure, natürlich nicht«, spuckte er ihr entgegen, »wir wollten dich nehmen, für was du…«

Sie schoss ihm in den Kopf.

Die Pistole entglitt ihren Fingern und landete auf seiner regungslosen Brust. Taumelnd stieg sie über ihn, trat auf den Flur und schloss die Schlafzimmertür. Dann fiel Rachel auf die Knie. Und begann zu schreien. Schrie sich die letzten Reste ihrer Seele aus dem Körper, die sie nicht mit den Kugeln verschossen hatte.

Kleine Hände legten sich um sie. Warme Körper lehnten sich an ihren. Halfen ihr, sich aufzurichten. Führten sie aus der Wohnung, stützten, hielten sie. Gingen mit ihr die Treppen hinab. Sie verließen das Haus, traten in die Nacht. Granaten und Bombeneinschläge hatten Krater in den ovalen Platz vor dem Wohnblock geschlagen. Mäanderförmige Rillen durchzogen das Kopfsteinpflaster. Die Kinder lösten sich von ihr, gingen voran. Nur Jonah blieb bei ihr stehen.

»Sieh, da oben, Mama«, sagte er.

Sie folgte dem Weisen seiner Hand. Die Wolken hatten sich gänzlich verzogen. Der Mond beschien die menschenleeren Straßen. Sie waren allein. Allein mit dem Mondlicht. Es schien nur für sie.

»Eines Tages werden wir bis hoch zum Mond laufen. Und frei sein. Glaub daran, meine Rachel, jedes Mal, wenn du aufblickst. Sobald der erste Mensch es auf den Mond schafft, wird es uns allen besser gehen.«

»Warum müssen wir es erst bis dorthin schaffen?«

»Weil die Menschen irgendwann erkennen werden, wie klein und unbedeutend sie sind. Sie werden begreifen, dass sie so winzig sind, dass sich die Kriege und das Töten nicht lohnen. Dass es sich nur lohnt, zu Leben. Jetzt komm weiter.«

Das bebende Kinn sackte gegen ihre Brust. Jonah schob die Arme um ihre Hüfte und sie drückte ihn an sich. »Wir werden es schaffen«, flüsterte sie und er glaubte ihr. Gemeinsam mit den sieben Kindern gingen sie in die einsame Nacht, gingen, bis die Wolken zurückkehrten und Rachel wusste, dass sie noch einen langen Weg vor sich hatten.

Rachels Weg bis hoch zum Mond, geschrieben im Januar 2008

2 Kommentare zu “Rachels Weg bis hoch zum Mond (Kurzgeschichte)

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