Autorenalltag

Return of the Kladde (Autorenalltag)

Ich bin manchmal, und im Nachhinein meist zu meinem Verdruss, ein Fortschrittsverächter. Oder ein Gewohnheitsmensch, um’s nicht ganz so martialisch auszudrücken. Jedenfalls hing ich ewig an der Musik- und Hörspielkassette, bevor ich zur CD wechselte, noch länger und regelrecht trotzig spulte ich lieber VHS-Kassetten von vorne nach hinten und zurück, bis ich die Vorzüge der DVD anerkannte und die Akzeptanz der Blu-ray als deren Nachfolgeformat war anfangs ebenfalls gleich Null. Doppelnull. Triplenull! Zuletzt hab ich bockig und kopfschüttelnd die Anschaffung einer PS4 verweigert und weiter fröhlich Xbox 360 gezockt, seit letztem Weihnachtsfest allerdings spielt es sich mit beiden Konsolen doch auch ganz flockig.

Aber ich hänge eben oft lange über die Halbwertszeit hinaus am Gewohnten, entgegen des Fortschritts und vermeintlicher Bequemlichkeit. Als ich vor ‘nem guten Vierteljahrhundert (aaaaaalt!) mit kreativem Schreiben anfing standen als logisches Mittel der Wahl natürlich Block und Bleistift zur Verfügung. So fängt vermutlich jeder an, erst recht in einem Zeitalter, in dem Heim-PCs und Laptops keine hauswirtschaftliche Selbstverständlichkeit waren und »Internet« nach einem Versprecher in einem Gespräch über Heimunterbringung klang. Und so füllte ich über die Jahre Blöcke und Schreibhefte (kariert, nicht liniert!) mit Geschichten, Gedanken, Gekritzel, Notizen, Skizzen, Entwürfen, dem Haus vom Nikolaus und »Stein, Schere, Papier«-Duellen gegen mich selbst.

Zwischendurch, um aus der Kladde professionellere Manuskripte zu destillieren, stieg ich dann sogar noch auf Schreibmaschine und einen absurden Verbrauch von Farb- und Löschbändern um, ehe dann, Ende der Neunzehnhundertneunziger, die Revolution einschlug und ein klobiges Computervehikel samt Tisch ein Drittel des Platzes in meinem Zimmer einnahm. Und jawollo, vieles wurde einfacher, organisierter, strukturierter und lief weniger Gefahr, von einer putzenden Großmutter als »entbehrlicher Blätterhaufen mit Gekrakel drauf« eingestuft und entsorgt zu werden. Weil Großmütter gingen damals noch nicht an diese »Commmmputaaaa«.

Block und Bleistift aber blieben trotz RAM und ROM erhalten: mein erstes Buch, Auftakt einer (heute verschollenen) Fantasy-Saga, war zum Großteil eine Abschrift zuvor gekladdeter Kapitel oder Ausweitung von einzelnen Absätzen, Plotplanungen und Charakterbeschreibungen und -stichpunkten. Anders als bei den weiter oben aufgeführten Beispielen von der Verdrängung des Gewohnten durch den Fortschritt blieb ein Schreiben mit Verzicht auf Kladde undenkbar, auch als ein locker transportabler Laptop den feststehenden PC-Monolithen ersetzte. Das war so, bis ich vom kreativen Texten abrückte…

…und für mehrere Jahre nur noch Filmkritiken, Star-Portraits und News-Artikel schrieb. Ich bin eigentlich recht begabt darin, meine Texte sofort in Reinform und ohne große Nachbearbeitungsnotwendigkeit aus mir heraus zu quetschen und dieser Wandel zum eher journalistischen Schreiben kam dem entgegen. Die Filme lieferten schließlich die Themen, die Schwerpunkte, die Ideen, die Figuren, und ich musste mich nur noch daran machen, diese Gegebenheiten einzuordnen und zu bewerten, statt sie selbst zu schaffen. So steht in meiner Schreibvita über 420 Filmkritiken lediglich eine Handvoll druckfähiger Kurzgeschichten gegenüber.

Seit Ende 2016, verbunden mit meinem lautstarken und dringend nötigen »I quit!« bezüglich meines Daseins als Filmblogger, schreibe ich nun wieder kreativ. Ich bereite alte Storys zur Wieder- oder Erstveröffentlichung auf dieser Seite auf und habe als großes großes Projekt einen neuen Roman begonnen. Und ich liebe es, it‘s good to be back! Ich schrieb den Prolog meines Romans, korrigierte und verfeinerte den etwas überholten Stil alter Kurzgeschichten und dies und das… aber iiiiiiirgendwas fehlte bis vor kurzem, war anders, das Feeling (♫I gotta feeling. That tonight’s gonna be a good write!♫) war nicht vollständig.

Notizen, Charakterskizzen und Absätze für später landeten nun einfach nach genügend Betätigung der Enter-Taste unter dem Haupttext oder in Sub-Dokumenten und wenn mal etwas davon gefragt war habe ich gescrollt und gescrollt und weiter gescrollt oder Textfenster verschoben und durchgeklickert. Der Luxus Laptop schien auf einmal total unkomfortabel und umständlich, zumal auch nicht jeder gleich drei Bildschirme nebeneinander platzieren kann, wie Kollege Andreas Brandhorst es vormacht. Also was war da bei mir jetzt anders als früher, warum verschwanden Gedankenfetzen, spontane Ideen, Stichworte und Kicks plötzlich, statt auffindbar zu bleiben, sich festzusetzen?? Und dann sprang die Glühbirne an: Kladde! Klaaaaaadde!

Ich war so von der Kladde entwöhnt, dass ich sie in ihrer klassischen Block und Bleistift-Form in einer um 180 Grad verkehrten Selbstverständlichkeit weggelassen hatte, als ich mich wieder ans kreative Schreiben machte. Computer und Internet waren mittlerweile so festgesetzt, dass ich die alten Methoden schließlich doch in die Schublade der Obsoleszenzen verstaut hatte, gleich neben Videokassetten und Nintendo-Konsolen der vorvorletzten Generation. Doch das Arbeiten an meinem neuen Roman und die Unübersichtlichkeit, in der sich das über mehrere Textdokumente hinweg gestaltete (denn man KANN einfach keinen Roman am Stück innerhalb eines einzigen Dokuments wegschreiben, ohne immer wieder Wegmarkierungen rechts und links und mittendrin und überall setzen zu müssen!), machte mir klar: return of the Kladde ist angesagt.

Wenn der Roman der Körper mit Fleisch, Organen, Blutgefäßen und dem ganzen drum und dran ist, dann ist die Kladde die Hauptschlagader, ohne deren permanentes Pulsieren und Pumpen nichts richtig rund am Laufen bleibt. Den Block aufschlagen, die Seiten am Stück sehen, an der Güte der Handschrift erkennen können, ob es sich um eine flüchtige, schnell dahin gekritzelte Notiz oder einen ausgereiften Gedankengang handelt, Dinge abhaken oder durchzustreichen, die als abgearbeitet oder redundant gelten – unabdingbar, zumindest für mein Schreiben! Mir kommen Ideen oft nicht direkt beim Schreiben, sondern wenn ich mit dem Kopf ganz woanders bin und dann ist die Verbindung zwischen Kopf, Hand, Stift und Papier immer noch die kürzeste, um den Fluchtwillen eines Einfalles zu bannen.

Ein egal wie exzessiv beschriebener Block verliert für mich auch nie seine Übersichtlichkeit, da jede meiner handschriftlichen Notizseiten einen individuellen Look hat, hier male ich ‘ne zusammenhanglose Comicfigur daneben, da schreib ich in auffälligen und mehrfach nachgezogenen Großbuchstaben, hier ist mir ein Schluck Wasser auf die Seite getropft und hat das Papier gewellt, da hab ich Striche und Linien und Schraffen quer über‘s Blatt gezogen oder etwas mit Buntstift markiert.

Zugegeben: bis auf das mit dem Wasser (davon ist in der Nähe von Technik bekanntlich eher abzuraten) kann man das fast alles auf die ein oder andere Art auch mit ‘nem Textdokument auf dem Laptop anstellen. Aber jede zusätzlich nötige Bewegung des Mauszeigers und jeder Extraklick gehen in der Übersetzung mit Papier und Stift einfach viel natürlicher und schneller von der buchstäblichen Hand. Kladde ist als Werkzeug für mein kreatives Schreiben also unverzichtbar und auf eine ganz kitschige, nontechnologisch-romantische Art die ungleich intimere Verbindung zwischen Geist und Wort. Quasi ein Candle-Light-Dinner im Kerzenschein und mit physischem Besteck gegenüber einer Online-Speed Dating-Runde per Webcam. Darf‘s noch ein Notizchen zum Nachtisch sein, verehrte Kladde? Auf das du mich nie wieder verlässt, weil ich deinen Wert zwischendurch nicht zu schätzen wusste!

An die Texter/Autoren unter den Lesern: wie managt ihr eure Notizen? Nutzt ihr ebenfalls Zettel und Papier, verlasst ihr euch auf eure Merkfähigkeit oder erledigt ihr ausnahmslos alles um’s Schreiben am Computer?

2 Kommentare zu “Return of the Kladde (Autorenalltag)

  1. Sowohl als auch. Ich habe ne Kladde, die ist aber ausschließlich für Notizen zu meinen Buchbesprechungen gedacht. Und manchmal auch für den Elternabend bei den Kids. Meine Frau dreht immer durch, wenn sie zwischen Lovecraft, Curran und Carter nach den Notizen vom letzten Elternabend sucht ;-).

    Für alles andere nutze ich mittlerweile Evernote. Ideen sammeln, Recherche, Ausarbeitungen (ja, ich schreibe auch ab und an kreativ, bislang aber ohne Veröffentlichung in irgendeiner Form. Ende des Jahres erscheint aber voraussichtlich eine Kurzgeschichte in einer Anthologie). Das Smartphone hab ich eh immer dabei, während die Kladde mir dazu zu unhandlich wäre. Da ist schnell ne Notiz reingehackt und mit dem Rechner synchronisiert. Und ich finds handlicher als One Note.

    By the way ist Brandhorsts Arbeitsplatz ein echter Neidwecker. Und interessant zu sehen, dass wir offenbar teilweise den gleichen Autoren folgen :-).

    1. Siehste, da komm ich wieder zu mir, dem Fortschrittsverweigerer: „Evernote“, noch nie was von gehört 😀 Guck ich mir mal an.

      Auf Brandhorst bin ich tatsächlich über deine Facebook-Interaktionen aufmerksam geworden, der ist ja hierzulande im Bereich SciFi ’ne ziemliche Nummer und da mein in Arbeit befindliches Büchlein in dem Genre angesiedelt ist gucke ich jetzt gelegentlich mal bei ihm rein… 😉

DEIN Feedback ist gefragt!