Filmkritiken

Return to Sender (Filmkritik)

Die Story

Der ehrgeizigen und gewissenhaften Krankenschwester Miranda Wells stehen wichtige Schritte im Leben bevor, privat wie beruflich: demnächst wird sie ihre Fortbildung zur OP-Schwester aufnehmen und außerdem ihr etwas in die Jahre gekommenes Eigenheim verkaufen und ein moderneres neues Haus beziehen. Das anstehende Blind Date mit einem Bekannten einer Arbeitskollegin ist da eher eine unliebsame Angelegenheit für die Ordnungsfanatikern. Ihre Verabredung hinterlässt sogleich auch nicht gerade den besten Eindruck und steht viel zu früh vor ihrer Haustür – und lässt sich nicht hinausbitten. Als Miranda begreift, dass es sich bei dem Mann nicht um ihr Date handelt, ist es bereits zu spät: der Eindringling überwältigt und vergewaltigt sie brutal. Schwer misshandelt kann Miranda den Täter jedoch kurze Zeit später zuordnen und identifizieren und daraufhin wird der Mann namens William Finn verhaftet. Während Miranda sich langsam von ihrem Schock erholt muss sie weitere Rückschläge verkraften, ihre plötzlich unkontrolliert zitternde rechte Hand verhindert die OP-Schwester-Karriere und der Verkauf ihres Hauses kommt nicht zu Stande. Um ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken unternimmt sie einen ungewöhnlichen Schritt: sie schreibt Finn mehrmals im Gefängnis an, bis dieser schließlich nach mehreren Versuchen einem Treffen zustimmt. In der Folge baut Miranda eine sensible Beziehung zu ihrem Peiniger auf…

Die Filmkritik

Rosamund Pikes Karriere ist komisch. Wenn man nicht genau hinsieht, ließ sich bis vor Kurzem noch annehmen, die blasse Britin wäre vom B-Bond-Girl-Schlund runtergewürgt worden, nachdem sie dem Doppel-0-Agenten bei ihrem Leinwanddebüt im wohl miesesten Abenteuer seiner MI6-Laufbahn, „Die Another Day“, eingeheizt hatte. Doch mit ihrer Oscar-nominierten Performance in David Finchers letztjährigem Ehe-Thriller „Gone Girl“ scheint Pike nun der Durchbruch gelungen zu sein – obwohl die nach Bond weder weg noch unterbeschäftigt oder von Accolades unbeachtet geblieben war. Die Frau hat eine ganz flotte Vita zwischen Softwareverfilmungs-Schrott („Doom“), Kostümschinken („Pride & Prejudice“), anspruchsvollen Kleinstreifen („An Education“, „Barney’s Version“), Blockbustern („Wrath of the Titans“, „Jack Reacher“) und Edgar Wright-Comedies („The World’s End“) und war bisher trotzdem so ’ne Art Stealth-Star: mitgeflogen, Können bewiesen, aber unter dem Radar geblieben.

Der Post-„Gone Girl“-Ruhm macht sich nun aber bemerkbar und spült zum Beispiel „Return to Sender“ an, in dem Pike vor’m Casting für Finchers Werk mitgewirkt hat und für den sich vermutlich niemand interessiert hätte, könnte man da jetzt nicht mit einem Oscar-Nominee auf dem Plakat, beziehungsweise dem DVD-Cover werben. Das Vergewaltigungs-Drama bettelt anderweitig nicht gerade um Vermarktbarkeit und ist ein Film, den man eigentlich auf keinem Markt richtig passend unterbringen kann: in der Prämisse liegen die Möglichkeiten für niederinstinktige Rache-Exploitation oder sensible Charakter-Studie, empfehlen kann man „Return to Sender“ aber weder der Gorehound- und Team Torture-, noch der Psycho-Drama-Fraktion. Für die einen ist zu wenig und nichts ausreichend Krasses dabei, den anderen dürft’s zu unplausibel, nicht geschickt genug oder sogar zu anstößig sein, was sich in dem Film von „Operation: Endgame“-Regisseur Fouad Mikati abspielt.

Warum das Script von Patricia Beauchamp und Joe Gossett überhaupt den Umweg über ein Psycho-Drama wählt, statt voll frontal auf Exploitation zu setzten, ist aber eigentlich klar: „I Spit on Your Grave“ gibt es schon. Wahlweise im Original von 1978, oder im Remake von 2010. Oder wenn’s unbedingt sein muss sogar noch im Sequel von 2013. Beauchamp, Gossett und Mikati wollen aber nicht zeigen, wie sich eine „normale“ Frau in einem solchen Rape’n’Revenge-Szenario verhält und sich an ihrem Peiniger rächt, ihrer Intention nach wollen sie die Folgen der Vergewaltigung einer Soziopathin durchspielen. Pikes Krankenschwester Miranda ist eine gefühlskalte, pedantische Ordnungsfanatikerin mit Ticks und Spleens und keinem Zentimeter breit geöffneter Zugänglichkeit für irgendwelche Mitmenschen, eine Frau, wie Pike sie mit ihrer abweisenden Aura und gewissen unnahbaren Sexyness perfekt spielen kann.


Nach der beklemmend-brutalen Vergewaltigungsszene (kein Vergleich mit Gaspar Noés „Irréversible“, aber trotzdem höchst unbehaglich inszeniert) sind es nicht die sexuelle Demütigung, der Schock und die körperliche Gewalteinwirkung, mit der Miranda umzugehen verstehen muss, sondern der Verlust von Ordnung in einem durchkalkulierten Dasein, in dem kleine und kleinste Zahnrädchen der Kontrolle ihren Alltag formen: Präzisionshandgriffe auf der Arbeit, ein sauber-strukturierter Haushalt, ihre penible Backkunst, alles bedarf einer zwanghaften Handlungsdominanz, die ihr verloren geht, als nach der Tat ihre rechte Hand unwillkürlich zu zittern beginnt und der Tremor sie Karriere und Hobbies kostet. Was sich aus dieser ungewöhnlichen Opferrolle entspinnt ist im Ansatz schon interessant, auch wenn Mikati und das Autorenduo sich jede Subtilität sparen und lieber mit Holzhammersymbolik und einem schwulstigen Score von Daniel Hart loszimmern.

Rosamund Pikes eindringliche Leistung federt die Schwünge der plakativen Schläge allerdings oftmals gekonnt ab: trotz der grauenhaften Schandtat an ihr ist Miranda keine mitleidheischende oder überhaupt nur sympathische Figur, sie ist desintegriert und für Außenstehende verstörend empfindungsamputiert, klinisch in ihrem Hygienetrieb, aber in ihrer Ordnungsliebe tief verletzbar. Aus Sicht der Figur ist es deswegen nicht per se realitätsferner Quatsch, wenn Miranda sich unopferhaft ihrem Schänder im Gefängnis annähert und ihm scheinbar Hoffnung auf Erlösung macht, während sich eine sexuelle Spannung zwischen den beiden entwickelt und Miranda wider jeder Logik eine physiopsychische Erreichbarkeit suggeriert, die man durchaus als Verkennung der Leiden tatsächlicher Vergewaltigungsopfer betrachten kann. Aber: aus dem körperlichen und seelischen Erlebenszustand dieser Miranda heraus ergibt das schon einen Steuerungssinn in ihrem Verhalten, faszinierend gespielt von Pike, ohne besonders viel Cleverness von den Machern erzählt.

Denn wenn man dem Film, oder eher: der Figur ihr Handeln abnimmt, dann bleibt trotzdem ein vollständiger Verlust von Glaubwürdigkeit, oder nennen wir’s beim Namen: eine himmelschreiende Plot-Dämlichkeit, wenn Vergewaltiger und Gewalttäter William innerhalb des Storybogens nach nur wenigen Monaten als rehabilitiert aus der Haft entlassen wird, obwohl mindestens angedeutet wird, dass er auch von seinem Mithäftling Randy nicht ablassen konnte, seine behauptete Läuterung also nicht bis in den Schniedel vorgedrungen ist. Discount Joaquin Phoenix Shiloh Fernandez ist sichtlich bemüht, seiner Figur Facetten zu verleihen, wechselt dabei aber hart zwischen vorsätzlichem Triebtäter-Creep und sozial benachteiligtem Affekt-Geschädigtem, so dass schließlich in beide Richtungen nur soziologische Klischees übrig bleiben. Über diesen William versäumt „Return to Sender“ es völlig, seine Fragen um Schuld, Reue und Vergebung zwiespältiger, trotz des empfindlichen Themas vielleicht sogar provokanter zu stellen, nicht mal Spannung kann der Film dadurch erzeugen und geht nach wenigen Schritten auf der falschen Thriller-Fährte seinem unvermeidlichen Ende entgegen. Was bleibt, ist ein Revenge/Psycho-Drama ohne Leinwand-Values (vor allem die Krankenhaus-Szenen könnte man als Subplot zwischen jede Nachmittags-Telenovela schneiden), mit einer interessant angesetzten und einer undurchdacht ausgeführten Figur und letztlich hebt lediglich Rosamund Pikes starke Leistung „Return to Sender“ auf Durchschnittsniveau.

Fazit

Ein etwas anderer Rape’n’Revenge-Thriller, der seine Möglichkeiten zu einer wirklich faszinierenden oder wenigstens spannenden Auseinandersetzung aber reihenweise vergibt und mit einigen enormen Unglaubwürdigkeiten sein Thema letztlich verfehlt. Rosamund Pikes starke Leistung kann aber immerhin so sehr überzeugen, dass zumindest die Ansätze einer interessanten Charakterstudie da sind. 5/10

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