Autorenalltag

Schriftstellerleben: vorbei vorbei, die Zeit des unbeschwerten Schreibens (Autorenalltag)

An ein paar Stellen habe ich es ja bereits erwähnt und wer mein Netzgetue schon länger verfolgt weiß es eh: bevor ich dieses Blog aufgespannt habe war ich acht Jahre lang raus aus dem literarischen Schreiben. Die letzte fertiggestellte Kurzgeschichte ist noch länger her und erschien 2007 in einer Literaturzeitschrift, den letzten (und einzigen und verschollenen) Roman hatte ich 1998 beendet. Neunzehnhundertachtundneunzig, müsst ihr euch mal vorstellen, das war im letzten Jahr…TAUSEND!

Verrückterweise (und das ist mir die Tage erst bewusst geworden) hab ich während meiner Filmkritikerphase von ’08 bis 2016 auch keine Bücher mehr gelesen, das letzte war „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ im Oktober/November 2007. Uff. Auch schon wieder ’ne Dekade her. Ich war so richtig rausgekullert aus dem Literaturzirkus, konsumierend wie produzierend. Aber der Wiedereinstieg ist gelungen, ich lese wieder (aktuell „Game of Thrones“ und Stephen Kings „Das Leben und das Schreiben“) und schreibe wieder selbst Geschichten (zuletzt „Shani und Alex“), die Sidebar zur Rechten hält euch über den Progress meines Romans „Earth. Dark. Ashes.“ auf dem Laufenden (und damn yeah, es progresst!).

Das Tippen ist das selbe – der Kopf ’n völlig anderer

Der Lachs rollt also im Öl, ja? Nee. Nix rollt, nix ölt, nix Lachs! Acht Jahre lang Filmkritiken schreiben lief so: Film gucken, Kritik schreiben, raus aus’m Kopf, unberschwert den Tag genießen. Im Idealfall jedenfalls. Der nicht immer eintrat, aber oft genug. Literarisches Schreiben und gerade die Arbeit an einem Roman allerdings versetzt die Birne in einen immerwährenden Ausnahmezustand.

Eine Idee (mit viel Glück und einigem Geschick wohlmöglich sogar eine gute!) lässt einen nicht mehr in Ruhe, oder wie Maya Angelou es so treffend auszudrücken wusste: »There is no greater agony than bearing an untold story inside you«, es gibt keine größere Qual, als eine unerzählte Geschichte mit sich zu tragen. Die Geschichte (wenn die Idee denn zu einer geworden ist) will erzählt werden und dieser ungebändigte Wille drängt sich vor alles, er lauert dir auf, schleicht sich an, springt dir mit dem Arsch ins Gesicht oder tritt dir ins Kreuz.

Eine Geschichte lässt dich nicht mehr allein

Allein sein? Ist nicht mehr. Die Geschichte ist immer da und will gesammelt, geplottet, geschrieben, überarbeitet, verbessert, durchgedacht werden. Sie ist auf der Arbeit dabei, beim Essen, beim Laufen, beim Rumgammeln, beim Sex, hat ihr Ohr in jedem Gespräch und ihr Auge sieht, was dir gar nicht auffällt. Dein Sohn plappert auf dem Weg zum Kindergarten ein Phantasiewort vor sich hin? Die Geschichte will es haben und wirft ihre Klauen danach; wie kann man es verwenden, ableiten, was daraus machen!? Dieser ständige, nicht abzuschaltende Begleiter, wäre ja gar nicht so schlimm – wenn er nett zu dir wäre…

…aber die unerzählte Geschichte in dir ist wie der Joker in „The Dark Knight“, soziopathisch, anarchistisch, sadistisch, sieht sich als unbedingten Teil von dir, »You complete me«. Ihr kennt diese eine Szene aus Nolans Fledermaus-Thriller, Bats hat den Truck geflippt und kommt mit wilder Entschlossenheit auf seinem Moped angebraust (so wir ihr eure Idee auf den Rücken geworfen habt, um euch die Story untertan zu machen), Mr. J taumelt aus dem Wrack und fordert ihn heraus, »come on, come on, I want you to do it. Write me. WRITE ME!«…


…und genau wie Batman in jener Szene rast du einfach an der Geschichte vorbei und fällst auf die Schnauze, während sie dir hinterher sieht, dich geschlagen hat, weil du gerade nicht schaffen konntest, was sie von dir wollte.

Deine Geschichte weiß mehr über sich als du – und über dich

Genau wie der Joker in „The Dark Knight“ ist deine Geschichte dir immer einen Schritt voraus, sie kennt sich selbst und sie kennt dich besser als du und sie lockt und quält dich mit diesem Wissen. Deine Geschichte weiß, wie gut sie sein kann – aber kannst du sie auch so gut erzählen? Deine Geschichte weiß, wie viele Ideen und Details sie noch braucht – aber kannst du sie finden? Deine Geschichte weiß, wann sie fertig erzählt ist – aber kommst du jemals zum Ende?

Die Geschichte tut jedenfalls alles dafür, saugt jeden Fitzel Alltag und jedes bisschen scheinbarer Banalität um dich herum auf, um eventuell davon profitieren zu können. Aber sie schüchtert dich auch ein, eben weil sie ihrer so sicher ist – und du es möglicherweise nicht bist. Du tust ihr den Gefallen und schreibst wie im Rausch absätze- und seitenweise vorwärts… und wenn du am nächsten Morgen drüberliest erscheint dir jeder Satz krumm und unwürdig, der neue Subplot unnötig, diese und jene Nebenfigur überflüssig, der Protagonist nicht scharf genug skizziert und du hast das Gefühl, du bist nicht Autor genug für deine Geschichte…

Locker bleiben – Batman gewinnt am Ende auch immer (…na ja, meistens)

Eine Geschichte, einen Roman schreiben kann fies und überwältigend sein, verloren und hilflos machen und mit den Selbstzweifeln, die man dabei als Autor bekommt, könnte man einen ganz eigenen Roman füllen. Was man aber nicht machen sollte, weil das schon so viele andere Autoren getan haben. Mit der Stimme und dem Gezeter der eigenen Geschichte im Kopf muss man leben lernen, wenn man literarisch schreibt: sie fühlt sich permanent vernachlässigt, nie genug (mit passenden Worten) gewürdigt und will noch das letzte kreative Tröpfchen aus dir rausquetschen. Und sollte man dann auch noch zu prokrastinieren anfangen wird sie erst richtig quengelig.

Aber, und das ist das Gute: wenn man davor nicht kapituliert und die ganze Scheiße einfach mitmacht, sie manchmal über sich ergehen lässt und ihr an anderer Stelle zähnefletschend entgegen tritt und sie letztlich niederringt – dann steht man am Ende irgendwann mit ’nem richtig guten Buch da. Und wenn es besser sein könnte, dann lässt dich die Geschichte das schon wissen. Doch wenn sie ruhig ist, besänftigt und zufrieden – fängt auch schon von irgendwo weiter hinten in deinem Kopf die nächste Idee an zu schreien: »Schreib!«…

Wie ist das bei euch? Habt ihr Ruhe vor euren Ideen und Geschichten, wenn sie sich erst einmal festgesetzt haben? Oder schwirren sie euch bei jeder Gelegeneheit durch den Kopf? Schüchtert euch das ein und verursacht Selbstzweifel oder spornt es euch zum Weiterarbeiten an, um eurer Geschichte gerecht zu werden?

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