Filmkritiken

Shame (Filmkritik)

Die Story

Brandon Sullivan ist ein erfolgreicher New Yorker Werbemanager, gutaussehend und elegant. Abseits seiner kultivierten Fassade ist er jedoch schwer bindungsgestört und seine gesamte Tagesstruktur wird von einem obsessiven Verlangen nach Sex geprägt: Brandon masturbiert mehrmals täglich, bestellt Prostituierte in sein karges Appartment, reißt willige Frauen für eine schnelle Nacht auf oder besorgt es ihnen gleich im Freien, sein privater und der Berufscomputer sind mit Pornodateien vollgerammelt. Obwohl Brandon keine offensichtliche Freude an diesem Leben zu empfinden scheint sind ihm die engen Strukturen und Ficks über alle Maßen wichtig. Umso weniger behagt ihm der plötzliche Besuch seiner psychisch labilen Schwester Sissy, die er sich durch Nichtbeantworten ihrer Anrufe hatte fernhalten wollen. Sissy ist eine ebenso verlorene Existenz wie ihr Bruder, sucht im Gegensatz zu Brandon aber verzweifelt und geradezu selbstaufopferungsvoll nach emotionaler Bindung und Nähe. Doch je mehr sie diese bei ihm zu finden hofft, desto mehr erhöht sie Brandons Leidensdruck…

Die Filmkritik

Da haben sich zwei gefunden: in Steve McQueens Spielfilmdebüt „Hunger“ von 2008 glänzte der Deutsch-Ire Michael Fassbender als hungerstreikender IRA-Gefängnisinsasse, 2014 konnten beide den Oscar-Triumph des Historien-Dramas „12 Years a Slave“ feiern, in dem Fassbender einen sadistischen Sklaventreiber gibt. Über drei Dutzend Filmpreisauszeichnungen und –nominierungen sammelte der Schauspieler in den bisherigen Werken des Regisseurs, einen Großteil davon für die Sexsucht-Studie „Shame“: darin macht der Michael dem Steve den Fassbanger, strippt physisch bis auf den blanken Dödel runter und liefert das Psychogramm eines schwanzgesteuerten Emo-Krüppels mit vollster Intensität. Umrahmt von seinen beiden historischen Stoffen schafft McQueen mit „Shame“ ganz klar einen tempus praesens-Film mit einem entromantisierten Gegenwartshelden, mal wieder ein Großstadt-Yuppie, wie er spätestens seit Bret Easton Ellis‘ „American Psycho“ als Sinnbild für moralische Entartung und radikale Gefühlsabstumpfung steht.

„Shame“ ist kein einladender Film, der ist schwer und nimmt sich schwer, die ersten Minuten mit Brandons Alltagsbildern, harten Nummern und einem Augenflirt in der U-Bahn, untermalt Harry Escotts tragisch-getragener Score, als glaube er, es hier mit einem Holocaust-Drama oder einer birmanischen Flüchtlings-Doku zu tun zu haben. Sexsucht als Realitäts-Depression und Existenzkrise, Brandons Leben keines des lustvollen ejakulativen Klimax, sondern eines in Selbstzwang, stärker als die Sucht nach Befriedigung ist jene nach Verdrängung. Diesen Diskurs an der Seite eines Trieb-Individualisten hält McQueen in kühlen, bisweilen in ihrer Emotionslosigkeit regelrecht katatonischen Sequenzen und einem geradezu antikathartischen Ereignisbogen fest und konterkonstruiert mit einer grau-blauen Farbpallette, kalten Flächen und langen, oft schattengetränkten Einstellungen die Bildsprache und die Tonspur mit der erwähnten Escott-Musik und den dramatischen Einschüben klassischer Stücke wie Glenn Goulds Johann Sebastian Bach-Klavierwerk.

Auch dem Handlungsort New York fällt dabei eine besondere Rolle zu, die Weltstadt an der US-Ostküste ist jedoch nicht der oft idealisiert skizzierte, hochfrequent pulsierende ♫concrete jungle where dreams are made♫, New York ist in „Shame“ nicht das schillernd-glitzernde ♫if I can make it there, I’ll make it anywhere♫-Wunderland, von dem die verlorene Sissy sehnsuchtsvoll in ihrer Frank Sinatra-Interpretation säuselt. Wenn Brandon zum nächtlichen Frust-Jogging antritt passiert er keinen Mitmenschen, ihm begegnen blanker Stahl und Beton und apotropäische Fassaden auf der Straße und wenn eine etwas lebendigere Kreuzung ihn zum Anhalten zwingt folgt die Kamera ihm nicht weiter, als wärmeres Licht und Population ihn am Bildrand empfangen. Die Stadt im Frühwinter ist trübe und wolkenverhangen, eine anoyme Kulisse für ein seelisches Inkognitodasein, im Geheimen ausgelebte Preoccupation, ohne sich der Scham, der Schande stellen zu müssen. „Sex and the City“ ohne Glamour und ohne Träume, das Märchen vom Prinzen verdrängt vom Verlangen erektiler Kompensation. Der Big Apple wird hohl gestoßen…


Doch seine Solo-, Dual- und Gruppenficks sind für Brandon kein Akt des Genusses, sondern des Bestimmens, ob Webcam-Girl, Nutte oder One Night Stand ist ihm egal, er bezieht keinen Schub aus dem Nutzen seiner Potenz für die Frau, Brandon ist kein Trophäenbummser mit »na, wie war ich, Baby?«-Machismo, kein Barney Stinson-Eroberungssportler, der vor Arbeitskollegen prahlt und von dem Frauen vor ihren Freundinnen schwärmen sollen. Der Akt ist hart, Zweck und Zwang unterworfen, Brandons Gesicht eine Fratze, seine Hypersexualität ein Schmerzstiller, Folge einer Vergangenheit, die er mit seiner Schwester teilt. Wo er sich konsequent entemotionalisiert hat ist sie affektiv, autoaggressiv und melodramatisch, wo er Bindungen vermeidet versucht sie, Nähe und Zuneigung zu erzwingen, hinterlasst flehentlich-verweinte Nachrichten auf Anrufbeantwortern oder lügt ob ihres Gesundheitszustandes, doch kann Sissy wiederum auch ausgelassen, strahlend, kindlich und gelöst sein. Während eines langen Gesprächs, einer der zentralen Szenen des Films, wirft Brandon ihr nicht wirklich die moralische Verwerflichkeit ihres One Night Stands mit seinem verheirateten Boss vor – der Freudlosficker verabscheut die Sache für den Spaß, den es ihr bereitet hat, ihr Lachen, ihr Necken. Sein aufdiktierter Wertekodex, der für ihn selbst nicht gilt, sagt etwas ganz anderes: »Ich hasse dich dafür, dass du zu empfinden fähig bist.«…

Denn was passiert wohl mit Long Dong Brandon, als er nach einem unbeholfenen Date mit einer Arbeitskollegin mit einem wenig diskreten Move bei ihr und auf ihr landet, er die Frau mag und der Sex plötzlich etwas Gegenseitiges hat, einem Sympathieempfinden entspringt, sie ihn will und nicht sein Geld oder bloß seinen Schwanz für einen quick ride? Genau, der sonst nimmermüde Willi will nicht. Solche Szenen, da in ihrer Abfolge doch eher vorhersehbar konstruiert, stemmt dann der Fassbanger mit Physiognomie und Körpereinsatz. Auch den Schlussakt rettet die Inbrunst des „X-Men“-Stars, denn hier steht McQueen kurz davor, den Film zu überreißen, wenn Brandon sich schließlich einem orgiastischen let go-Taumel ergibt, die Koppulationskonventionen der Heterosexualität kappt und zu dramatisch aufgetürmter Musik parallel Schicksalhaftes passiert. Der Boxhieb in die Magengrube, oder passender der Tritt in die Klöten darf am Ende halt nicht fehlen. Ob er Brandon damit erlöst oder nicht überlässt McQueen hingegen der Ungewissheit der Abblende. So beginnt und endet „Shame“ in einer unbenannten Leere, Erinnerung und Zukunft des Pimperbruders und der Psych-Sis bleiben unausgesprochen und der Film in einer gewissen Allgemeingültigkeit stehen, da er so wenig benennt. Sind Brandon und Sissy missbrauchsgeschädigt, Heimkinder, hat ein bestimmtes Ereignis sie nachhaltig erschüttert, traumatisiert? Kann alles sein, oder kann nichts stimmen. „Shame“ ist nur eine akute Zustandsbeschreibung der Figuren und ihrer Scham, tut manchmal zu schwer und zu wichtig und ist zweifelsohne künstlerisch wertvoller als inhaltlich. Fassbender und Carey Mulligan ermöglichen es, dass daraus kein unmittelbarer Vorwurf abzuleiten ist und „Shame“ zu einem starken Gegenwartsdrama und einer Suchtstudie jenseits des üblichen Alk- und Drogenschwermuts wird.

Fazit

Intensives Sexsucht-Drama mit Darstellern, die sich mit vollem Körpereinsatz ihren Rollen verschreiben. Nimmt sich manchmal arg viel schwerer und wichtiger, als ein Film um einen Typen, der entschieden zu viel vögelt, unbedingt sein muss, überzeugt als Charakterstudie aber dennoch vor allem Dank Fassbender nahezu uneingeschränkt. 8,5/10

2 Kommentare zu “Shame (Filmkritik)

  1. Ich wollte den Film schon längst mal anschauen. Aber das kann ich mir sparen, so kaputte Menschen mag ich nicht wirklich sehen. Gut beschrieben!

    1. Danke sehr!
      Der Film lohnt sich schon, gerade auch „trotz“ respektive „wegen“ der kaputten Charaktere, aber ist halt auch ein ziemlicher Downer.

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