Kurzgeschichten

Shani und Alex (Kurzgeschichte)

»Willst du bis zum Morgen da stehen? Du musst doch nicht ins Bad, oder? Liegen überall dreckige Klamotten rum. Ich bin nicht so der Typ fürs Wäschewaschen.«

»Ich weiß«, erwiderte Shani behutsam. Sie hatte sich erschrocken, nicht bemerkt, das Alex aufgewacht war. Die braunen Augen mit den Bronzesprenkeln, die sie so faszinierten, waren eben noch fest geschlossen gewesen. Der Schlaf hatte die Schönheit wie einen seltenen Schatz behüten und erst in ein paar Stunden wieder mit ihr teilen wollen.

»Es ist kalt. Und ich hab nichtmal ‘n Teppich. Komm wieder rein.« Alex hob die Decke an und es sah einladend aus unter den Feder-Daunen-Wülsten, dort, wo Shanis Körper bis vor ein paar Minuten gelegen und das türkisfarbene Laken mit ihrem unruhigen Schlaf zu Faltenwirbeln verformt hatte.

»Ich brauche einen Moment«, flüsterte Shani, viel leiser, als sie es beabsichtigt hatte. Im Gegensatz zu Alex‘ rauer und frecher Stimme, die immer ein Geschoss auf den Stimmbändern gespannt zu haben schien, klang sie wie ein Tröpfeln. Aber nicht wie ein beständiges, unnachgiebiges Tröpfeln. Eher wie ein gelegentliches, eines von dem man nicht wusste, ob man es wirklich vernommen oder sich nur eingebildet hatte. Und wenn man es drei, vier Mal gehört zu haben glaubte und nachsah, dann war dort nichts und nie etwas gewesen. Gänsehaut kribbelte ihren Nacken hinauf und sie schlang die Arme um die nackte Brust. Ihre Fußsohle löste sich mit einem sachten Seufzen vom Boden, als sie einen halben Schritt vom Bett wegtrat.

Alex gähnte und zog die Decke wieder an sich. »Also ich brauche nach so einer Nummer einfach nur Schlaf.«

Shani lächelte, aber es machte sie verlegen, wenn Alex so redete und den Genuss nicht verbarg, den sie einander bereitet hatten, so offen, als wäre nichts dabei und es könnte gar kein Anlass existieren, sie zu verurteilen und jede ihrer Stunden mit Missgunst zu strafen. Woher kam das? Wie konnte Alex… so wenig an sich zweifeln? Sie beschloss, die Frage laut zu stellen.

Alex antwortete nicht gleich. Die Lider waren wieder versiegelt, die Atmung gleichmäßig. Shani wusste mittlerweile, Alex konnte innerhalb von Herzschlägen einschlafen, sich in den Schlaf wie in jede andere Situation komplett verlieren. Während Shani immer nur zweifelte…

»Waff meinfft du?«, murmelte Alex dann, die Wangen und Lippen zwischen Kissen und Oberarm zusammengepresst. »Woran follte ich fleifeln?«

Shani kicherte. Sie mochte es, wenn Alex albern war. Es war nie eine Belustigung auf Kosten anderer, es war ungezwungen und echt, manchmal war es ansteckend und man konnte nicht anders, man musste es mögen und man musste Alex mögen. Auch wenn Shani nicht wusste, ob sie sich dafür hassen sollte. »An dir«, hauchte sie und die Worte verflogen wie ein Wimpernschlag. »Daran, wer du bist.«

Alex prustete, dass die Lippen vibrierten und erneut musste Shani kichern, aber sie verbarg es hinter ihrer rechten Hand. Dann ruckte Alex den Deckenberg zur Seite, schwang die kräftigen Beine darüber, entstieg dem Bett unnötig umständlich und giggelte über das eigene Ungeschick.

Ein Luftzug voller Bewegungen und Gerüchen erfasste Shani und sie drehte sich um, wollte Alex nicht nackt im fahlen Licht sehen und sie wollte den Düften entgehen, die auf Sänften an ihre Nase getragen wurden und die nicht von Kräutern, Blüten oder Parfüms stammten. Düfte voll von Einklang und Erregung, voll vom Leben und der Liebe selbst. Und einer Note von salzigem Schweiß. Shani schämte sich für den Gedanken, denn sie schämte sich für die Tat und sie hasste sich für die Scham…

Alex trat hinter sie. Fingerspitzen fuhren Shanis Po und Hüften entlang, ihren Rücken hinauf und ein Kuss in den Nacken folgte dem Gleiten über ihre Schultern und die Arme hinab. Die Härchen an den Unterarmen stellten sich auf, reckten sich nach Alex‘ Fingern. Die Berührungen waren zart, zarter als alles, was Shani je gespürt hatte. Es war wie Schokolade, die im Mund schmolz. »Ist denn etwas nicht mit mir in Ordnung?«, fragte Alex.

Kurz blieb ihr Atem stehen, als Shani zuließ, dass ihre Arme weggeschoben wurden und die Berührung in einen kräftigen Griff um ihre Brüste mündete, sie anhob und wiegte.

»Hm?«, machte Alex. »Ist hieran irgendwas nicht in Ordnung?«

Das Schütteln von Shanis Kopf kam so zaghaft, dass sie nicht wusste, ob Alex es überhaupt bemerkte, mochten ihre Körper noch so eng verschlungen sein.

»Und?«, sagte Alex und hatte es doch bemerkt. »Woran zweifelst du dann?«

»An allem«, entgegnete Shani zittrig, obwohl sie von Wärme umflossen war. »An uns und daran, was wir tun. Wenn ich dort hinaus sehe«, sie nickte zum Fenster, hinter dessen kaltem Glas die Stadt dunkel, voller Winkel und Gassen und Orten lag, zu denen Shani niemals gehen wollte, »dann ist es…« Sie stockte.

»Wie ist es?«, fragte Alex und legte das Kinn auf ihrer Schulter ab.

»Als würde ich zurück schauen. Auf alles, was ich hinter mir gelassen habe. Ich sehe einen Sturm. Ein Hagel aus Steinen. Ich sehe Schlingen und Wut. So viel Wut.« Eine Träne trat aus ihrem Augenwinkel und versuchte ihre Nähe zu trennen, als sie an Shanis Wange hinablief und Alex‘ befeuchtete. »Ich weiß, dass diese Wut falsch ist. Aber ich bin verdorrt. Oder noch am Vergehen. Ich spüre die Wut. Ich spüre sie wie eine Hand, die meinen Arm packt und wenn ich die Augen schließe und nicht hinsehe ist es, als wäre es die Pranke eines Tigers, die mich mitzureißen versucht. Doch wenn ich aufblicke, dann ist es mein Vater und er schreit vor Freunden und Fremden auf mich ein und ich kann nicht antworten. Ich bin nicht mutig genug, jedes seiner Worte ist eine Mauer um mich. Ich kann nur nach oben sehen und der ganze Hass kreist wie brüllende Ungeheuer überall am Himmel, es ist immer noch so laut und die Schmerzen sind immer noch so stark, ich fühle mich in ganz viele Teile gerissen und nie ganz. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, wer ich bin. Und wer wir sind. Ich sehe meine Hände an, als dürften sie nicht mehr zu mir gehören, weil ich dich mit ihnen angefasst habe.«

Shani zuckte, als Alex die zweite Träne mit der Zunge abfing, ihren Fluss mit einem Kuss trockenlegte. »So vertreibt man aber keine Tiger und Ungeheuer und Väter. Da braucht man Schwerter und Schilde, eine laute Stimme und Überzeugungen und das haut man ihnen einfach alles mitten in die Fresse!«

Sie lachten, Alex zog Shani mit sich nach hinten und sie fielen aufs Bett zurück, überschlugen sich und für Sekunden vergaß Shani alles und sie gehörte hierher, sie gab Alex einen Kuss, lang und innig und zum ersten Mal ging er von ihr aus. Sich zugewandt, die Hände in den Haaren des anderen vergraben und eine Brücke zwischen ihren Blicken schlagend, die nur sie überqueren konnten, blieben sie liegen.

»War es für dich schon immer so einfach?«, fragte Shani leise.

»Keine Ahnung.« Alex grinste schief. »‘s ist, wie es ist, und ich mache mir keine Gedanken darum. Mich hat niemand dazu erzogen, Zuneigung für etwas schlechtes zu halten. Ich hab dich auf dem Campus gesehen, hab mit dir gesprochen, hab mich in dich verknallt, wie sowas eben passiert, tausend Mal am Tag. Die Hälfte davon ging sonst schon vorm Frühstück auf mein Konto. Aber mit dir ist es mehr, das wusste ich gleich. Ich hab nicht drüber nachgedacht, woher du kommst.«

»Aber du weißt, woher ich komme.«

»Na und?« Alex zog eine Grimasse. »Ein Geburtsort, das bedeutet nichts. Es ist nur ein Unterschied, den die Menschen bestimmen, die vor dir dort sind. Das gibt doch niemandem ein Recht über deine Gefühle. Wenn deine Unterschiede bedeuten, dass wir ein paar Mauern mehr einreißen müssen, um zusammen zu sein, dann tun wir es eben. Das wird eh nie aufhören, weil immer und überall irgendwer kommen und diese Mauern ziehen wird. Aber ich bin bei dir und hab mein Werkzeug dabei. Und wenn wir mal ‘ne Mauer nicht klein kriegen, zeig ich dir den Weg außen herum. Weil das hier Liebe ist und kein Verbrechen. Egal, welche Fesseln man dir um den Verstand gebunden hat. Die sprengen wir. Wir lieben uns, nicht nur zwischen den Beinen, sondern mit unseren Köpfen, mit meinem Dickschädel und deinem Eierkopf. Und mit dem Herzen. Daran gibt es nichts zu zweifeln und nichts zu verbergen.«

»Für mich… ist es schwer. Ich habe… das alles nicht erwartet. Ich wusste nie, dass es das ist…«

»Musstest du auch nicht. Jetzt hast du es und es gefällt dir. Keiner muss vom ersten Tag an wissen, was ihn ausmacht und erfüllt. Aber bis zu deinem letzten solltest du es gelernt haben. Und dazwischen genießt du es und bist glücklich. Manchmal auch nicht, aber das ist okay. Wir sind grade so keine Teenager mehr, vielleicht ist das mit uns nicht für immer. Vielleicht werde ich nächste Woche bi-neugierig und will‘s auch mal mit einem Kerl probieren.« Alex zwinkerte. »Dann gibt es jemand anderen für dich und du hast nicht vergessen, dass das hier dich glücklich macht.«

Shani nickte in Alex‘ Händen. »Das tut es«, wisperte sie.

»Siehste. Und das bekommst du dafür, einen totalen Honk, das viel zu frühe L-Wort, jede Menge Postkartensprüche und den Sex deines Lebens, vermute ich mal.«

Sie lachten und Shani fühlte, wie etwas in diesem Augenblick in ihr wuchs. Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, ließ sie zu, dass Alex ihr Halt und Wärme nicht nur von außen gab. Sie spürte die Umarmung in ihrem Inneren, sie ließ die Schatten und Gassen und dunklen Orte, die Erinnerungen von Licht fluten. Ob es ewig oder nur Stunden brennen würde wusste Shani nicht, aber es speiste ein Vertrauen und einen Glauben an etwas, das Alex nicht aussprechen musste.

Sie verlängerten die Nacht um eine Stunde und als sie am Morgen unausgeschlafen aus der Tür traten lag vor ihnen ein unberührter Tag. Das Rascheln von Gräsern und Blättern verschob sich in wechselnden Brisen, doch der Himmel hatte sich beruhigt und machte Shani vorerst keine Angst mehr. Für den Moment waren die Mauern von ihr fort gerückt. Sie war nicht vollständig, aber ein Teil von ihr hatte sich endlich zusammengesetzt und er würde ganz bleiben, mit oder ohne Alex. Das wusste sie jetzt und der Horizont lag in weiterer Entfernung, als sie es je gesehen hatte, weiter, als sie je zu entdecken gewagt hätte.

Alex räusperte sich und sagte in aufgesetztem Zeremoniellton: »Shanira Charda Ababneh?«

Shani lächelte. Sie mochte dieses Spiel. »Ja, Alexandra Eva Lorde?«

»Lass uns das genießen. Solange wir es haben.«

»Ja, lass uns das tun«, sagte Shani.

Shani und Alex, geschrieben im März 2017

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