Filmkritiken

The Dressmaker (Filmkritik)

Die Story

Das australische Outback im Jahr 1951: vor fünfundzwanzig Jahren wurde Myrtle „Tilly“ Dunnage im Kindesalter des Mordes an ihrem Mitschüler Stewart Pettyman bezichtigt und von dessen Vater und Stadtrat Evan Pettyman aus dem Kaff Dungatar verjagt. Ohne sich an den Hergang ihrer angeblichen Tat genau erinnern zu können, kehrt Tilly nun in ihre Heimatstadt zurück und quartiert sich bei ihrer kränklichen, psychisch instabilen, aber weiterhin schlagfertigen Mutter „Mad“ Molly ein. Tilly indes hat in der zwischenliegenden Zeit für noble Modehäuser in Europa gearbeitet und ihr stilbewusstes, aufreizendes und glamouröses Auftreten schockt die engstirnigen und unverzeihlichen Bürger von Dungatar. Ihr schneiderisches Ausnahmetalent weckt jedoch auch das Interesse der biederen Landpomeranzen und mit edlen Stoffen und reizbetonenden Kleidern steigt Tilly in der Gunst der misstrauischen Dorfbewohner. Tilly hat allerdings nicht vergessen, wie übel ihr in ihrer Kindheit mitgespielt wurde und während sie die Hintergründe von Stewarts Tod aufzudecken versucht offenbaren sich einige absonderliche und schockierende Geheimnisse von Dungatar…

Die Filmkritik

Dreizehn Nominierungen und fünf Auszeichnungen bei den Australian Academy of Cinema and Television Arts Awards, dem Frontrunner „Mad Max: Fury Road“ dabei den People’s Choice Award for Favourite Australian Film weggeschnappt, die Rekord-Oscar-nominierte und -ausgezeichnete Kate Winslet in der Hauptrolle, daneben supporten Blockbuster-Jungstar Liam Hemsworth („The Hunger Games“, „Independence Day: Resurgence“) und fuckin‘ Hugo „AgentSmithElrondV“ Weaving – Jocelyn Moorhouse‘ Romanadaption „The Dressmaker“ ist nach „Animal Kingdom“, „Son of a Gun“, „Felony“ oder „The Rover“ wohl der höchstdekorierte Film der jüngsten Down Under-Welle, der es hierzulande nicht in die Kinos geschafft hat. Immer wieder ’n Kopfschüttler wert, was man in Deutschland alles für nicht vermarktbar für eine Leinwandauswertung hält und es stattdessen stiefmütterlich direkt in DVD- und Blu-ray-Regalen untergehen lässt…

Die Outback-Revenge-Dramedy „The Dressmaker“, Adaption des gleichnamigen Debütromans von Rosalie Ham, sticht und stickt Anleihen von Western, Märchen, Murder Mysteries, schwelgerischer Fernweh-Romantik und shakespear’esquen Tragödien aneinander und kombiniert das zu einem wunderbar neben der Norm genähten Stoff, für den man die Bezeichnung schrullig erfinden müsste, wenn sie nicht ohnehin im Wörterbuch stünde. Ein Film über den schädlichen Sog von Rufmord, über ländliche Kleingeistigkeit und spießbürgerliches Wertedenken, über Machtmissbrauch in hohen Ämtern und das Verbergen der wahren Identität, das Verdecken von Makeln hinter Fassaden aus Lügen, Uniformen und Kleidern. Wie ein Revolverheld mit Nähmaschine statt Pistole kommt Kate Winslet per Bus in ihr staubiges Heimatkaff geritten, um die Entehrten zu rächen und die Übeltäter bloßzustellen und zu entlarven – indem sie ihnen Kleider näht.

„The Dressmaker“ fährt einen bunten Reigen bis nahe ans Groteske übersteigerter Figuren auf, wie einen vielweibernden Stadtrat und sein hypersensibles und reinlichkeitswahnhaftes Nervenwrack von Frau, ein körperlich züchtigendes Lehrerinnen-Monster, einen krummbuckligen und religionsfanatischen Apotheker, der mehr auf Gottes Willen als auf die Wirkung von Medikamenten vertraut, eine herrisch über das Liebesglück ihres adretten Sohnes bestimmende, aber oberflächlich-ungebildete Snobistin and so on and so forth. Scheussliche Gestalten, die Moorhouse aber nicht allein zu fratzenhaften Karikaturen verzieht, sondern peu à peu ihre Fassaden abschält, mit einem kleinen Dialog, einer beiläufigen Szene die Skurrilität der Outback-Insassen mit einer Ernsthaftigkeit kreuzt, die einige der Einwohner Dungatars umso abscheulicher macht, anderen eine tragische Fallhöhe gibt, die einen vermeintlichen Spleen zur hintergründigen Psychose formt.


Ohne ihren Film in eine Richtung zu verfestigen wechselt Moorhouse zwischen absurder, leiser oder schlagfertiger Komik und den Charakter-Dramen um Tillys nebulöse Vergangenheit, ihre demente Mutter und die sich verkomplizierenden Hintergründe der fünfundzwanzig Jahre zurückligenden grausigen Ereignisse in Dungatar. „The Dressmaker“ webt einen nie reißerischen, aber jederzeit lebhaften Teppich aus Erzählflicken und Flashbackfetzen, deren Zusammenhänge sich nicht immer sofort offenbaren, die das emotionale Gewicht der Geschichte und ihrer Figuren aber stetig weiter ausstopfen. Und für eine zart aufkeimende und ausnahmsweise mal nicht wie lose drangepinnt wirkende Liebesgeschichte ist auch noch Platz: Liam Hemsworth gibt den strahlend-perfekten und fürsorglichen Hinterlandhelden Teddy, der mit stattlicher Statur, Strahlemannsgrinsen und dem gewinnenden Charme eines unbekümmerten Wohnwagenbewohners um Tilly zu werben beginnt.

Das macht der sonst oft blasse jüngere Hemsworth-Bruder („Paranoia“, „Cut Bank“) so sympathisch wie selten zuvor und obwohl „The Dressmaker“ die fünfzehn Jahre Altersunterschied zwischen ihm und Winslet nicht ganz übertünchen kann funktioniert der wie für Hugh Jackman gemachte Part des übertrieben-unwiderstehlichen Outback-Sunnyboys. Mit ihm scheint „The Dressmaker“ eher gängigere Muster zu häkeln, doch gerade als ein seelenheilend-rosamundepilchernder Faltenglätter die Knittrigkeiten aus der Geschichte zu bügeln droht[SPOILER voraus, zum Lesen markieren]ereignet sich der erste von mehreren absonderlich-morbiden Schicksalsschlägen, heraufbeschworen von einem der vorigen Erzählflicken und die soeben erst gegenseitig bekannte Liebe wird in einem Hirsesilo gleich wieder erstickt.[SPOILER Ende]

Nicht alle zartbitteren und schmerzvollen Wendungen und Robenwechsel der Genreverschiedlichkeiten passen so angegossen, wie Tillys Kleiderkreationen an Kate Winslets Körper (die war auf der Leinwand, bzw. dem Bildschirm über ihre natürliche Attraktivität hinaus noch nie so verspielt-verführerisch und reizbewusst sexy wie in der Szene, in der sie mit rundungsbetonend-verlockenden Dresses die Konzentration zweier Australian Football-Teams vom Spielgerät auf *ähem* andere Bälle lenkt…), doch das Ensemble aus Rache- und Romantik-Drama, Smalltown Secret-Noir Mystery und spitz-pointierter Komödie ist dennoch ein Hochgenuss, grell und vergnüglich, aber auch wieder nicht so aufgedreht, dass es nerven würde. Die wichtigen und richtigen Figuren behalten Würde und Nachvollziehbarkeit, so dass die tragischen Begebenheiten rund um Tilly und ihren Glauben, verflucht zu sein, nicht die Haftung an das Schicksal, den Schock und die Trauer der Charaktere verlieren.

Mit viel Aussie-Eskapismus und dennoch ganz eng bei der Verschrobenheit und unter den lauernden und gaffenden Augen des fiktiven Kaffs Dungatar filmen Moorhouse und Kameramann Donald McAlpine ihren „The Dressmaker“ wie eine anmutige Laufstegschönheit, hinter derem perfekten Auftritt sich mehr kleine und große und vor allem bedeutendere Dramen verbergen, als in einer ganzen Staffel von „Wherever’s next Topmeodel“ abgearbeitet werden. Mit aufreizend-glamouröser Grazie und ihrer unnachahmlichen Brüchig- und Leidensfähigkeit liefert Kate Winslet eine weitere Glanzleistung ab, kann phasenweise ungezwungener als sonst aufspielen, bekommt aber natürlich auch reichlich Gelegenheit für cry faces und breakdowns. Mit der geistig umnebelten, aber formidbabel-spitzüngigen Judy Davis liefert sie sich großartige Mutter/Tochter-Gefechte, während Hugo Weaving als cross-dressender Ortspolizist eine nicht minder wundervolle Highlight-Performance bietet und aus dem fummeltragenden Stofffetischisten nie eine Witzfigur werden lässt.

Fazit

Glamouröse, amouröse und spleenige Outback-Tragik-Dramanze voller Eigenheit, Emotionen und herrlicher Darstellerleistungen. „The Dressmaker“ bietet edelsten Leindwand- und Bildschirmstoff, eine wunderbare Kate Winslet und ein spitzzüngiges, charakterstarkes Script im Gewand ganz verschiedener Genreeinflüsse. 8,5/10

2 Kommentare zu “The Dressmaker (Filmkritik)

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