Filmkritiken

Wild Card (Filmkritik)

Story

Weihnachten in Las Vegas: seit bald zwanzig Jahren und mit zunehmendem Überdruss ist der Ex-Söldner und passionierte Zocker Nick Wild in der Scheinwelt des Spielerparadieses gestrandet. Während er sich als Sicherheitsberater, Gelegenheitspersonenschützer und mit einigen schrägen Jobs durchschlägt hat er ein deutliches Ziel vor Augen: irgendwie eine halbe Millionen Dollar zusammenkriegen und dann nichts wie raus aus Vegas, aus Nevada und den USA, um auf Korsika wenigstens fünf Jahre in Frieden und Freiheit zu genießen. Doch noch lässt der glitzernde Moloch den Zyniker nicht los und so willigt Nick ein, den Bubi-Millionär Cyrus Kinnick durch die Stadt zu führen und für seine Sicherheit zu sorgen. Mit noch größerem Widerwillen reagiert Nick auf den Notruf seiner Ex Holly, die allerdings von dem fiesen Gangster-Spross Danny DeMarco dermaßen übel zugerichtet wurde, dass es Nick bei der Ehre packt und er sich der Sache annimmt…

Die Filmkritik

In der Zukunftsforschung bezeichnet der Begriff Wild Card ein überraschendes Ereignis mit massiver Auswirkung, im Sport steht’s (neben einem Freilos für den Qualifikationsregeln nicht entsprechenden Kompetitoren) für einen unberechenbaren Spieler. Trifft auf Jason Statham und seine Rollenauswahl in den letzten anderthalb Jahrzehnten alles nicht zu: der charismatische Raspelhaarträger ist einer der konstantesten Actionstars dieser Zeit und hat sich mit der „The Transporter“-Trilogie und gleichartigen Streifen wie „The Mechanic“, „Parker“, „Homefront“ oder seinen Auftritten als Mitglied der „Expendables“ seine eigene Handkanten-Nische gedroschen. Statham bedient dabei meist den Typus des unfreiwilligen, aber prinzipientreuen Ex-Marine/Söldner/irgendwas-Helden, der in Umstände verstrickt wird, aus denen er sich mit seinem Martial Arts-Skillset raushaut. Der Film „Wild Card“ schien genau diesem »kennste einen, kennste alle…«-Schema zu entsprechen, doch tatsächlich trifft das nur teilweise zu und ansonsten ist Simon Wests Las Vegas-Thriller wirklich eine ziemliche Wild Card.

Innerhalb der ersten Stunde prüft Statham bei lediglich drei Gegnern die Knochendichte und das in einer einzigen knappen Fightszene, „Wild Card“ spielt die Kampfkünste seines dominanten Hauptdarstellers als Trumpfkarte aus, das Remake des 1986er Burt Reynolds-Actioners „Heat“ verlässt sich aber vorrangig auf eine beharrlich-zynische und hoffnungslose Stimmung als unerwartetes Ass im Ärmel. Las Vegas ist hier nicht das magische Glitzerparadies aus den „Ocean’s“-Filmen oder der quietschfidele Schnitzeljagdparcours aus „Hangover“, für Stathams Nick Wild sind Lack und Fassade längst abgebröckelt und hinter dem tourismusförderlichen Attraktionszauber der Stadt bleibt nur ein dreckiger Moloch voller Falschspieler, abgebrannter Diner-Damen, Gangster, Vergewaltiger und Schläger, Wilds tägliches Milieu, dessen er so sehr überdrüssig ist, wie er es doch nicht loslassen kann.

Den sarkastischen Antihelden mit passend-angewiderter Visage und »ich will zwar nicht kämpfen, aber ihr Typen wollt’s ja nicht anders, also nehm ich euch auseinander«-Haltung spielt Statham selbst noch auf dem Daumen sitzend routiniert runter, „Wild Card“ fragt aber mehr ab: innerhalb der Stathamologie ist der Film näher an den London-Underground-Studien seines Entdeckers Guy Ritchie, in denen der ehemalige Wasserspringer die Roundhousekicks und Kopfnüsse noch stecken ließ. Statham spielt in „Wild Card“ einen kauzigen Melancholiker und beweist die nötigen acting chops, um Wilds Sehnsucht nach dem Ausbruch aus Nevada und seine gleichzeitige Verbundenheit und Art von Zugehörigkeit zu dieser verlogenen Welt glaubhaft darzustellen. Nicht mit den ganz großen schauspielerischen Mitteln und Kniffen, aber immerhin: Statham zieht die Flushs nicht nur dann, wenn er Gegner mit Löffel und Buttermesser malträtiert, sondern auch dann, wenn er mit sich und der Stadt am Hadern ist, die ihn gefangen hält.


„Wild Card“ ist deswegen nicht gleich eine tiefgründige Charakterstudie über die Willensprüfungen eines Zockers, aber es ist schon wichtig für das Feeling des Films, dass man Stathams Rolle kauft. Der Druck fast jeder Szene liegt bei dem Brit-Buben, trotz einer bunten Joker-Besetzung mit Michael Angarano als unbedarft-jungfräulichem Milchgesicht-Millionär, Milo Ventimiglia als verachtenswert-sadistischem Mob-Spross-Macho-Arschloch, einem illustren Frauen-Quartett aus Dominik Garcia-Lorido, Hope Davis, Sofía Vergara und Anne Heche, sowie erweiterten Cameos von „Seinfeld“-Choleriker Jason Alexander und dem edlen Stanley Tucci. Aber Statham packt das und ist dann doch der größte Trumpf dieses launigen Vegas-Verrisses, der mit Wendungen und Stilbrüchen von schwarzhumorigem Noir mit ruhigen und verbitterten Crime Detective-Meriten bis hin zu seltsam abseitigen Passagen und knackbrutalen Actionszenen seinem Titel gerecht wird, episodisch den Weg seines Protagonisten an ein, zwei typischen Tagen in zweite Klasse-Casinos, im Diner mit Grapefruitsaft und an den Fassaden der Stadt entlang begleitet.

Wenn Wild schließlich zu Nasenbeinbrüchen und sonstigen Gliedmaßverrenkungen und physiognomischen Korrekturen seiner Gegner ansetzt, und das ist in „Wild Card“ wirklich die letzte Option für einen Statham, der mit seinen Visionen vom Segelturn um Korsika den Gewaltstrudel überzeugend zu umgehen versucht, dann ist Regisseur West nicht um Stilisierung und zwinkernde Kontraste verlegen. Da darf schonmal ein Weihnachtsliedklassiker laufen, während Wild in ästhetisierten Zeitlupenmanövern eine Horde Thugs umnietet. Sowas kann leicht extrem gezwungen und mätzchenhaft wirken, kommt in „Wild Card“ aber so cool wie der ganze Film und sein Hauptdarsteller rüber. William Goldmans Comeback-Drehbuch nach über einem Jahrzehnt Pause und basierend auf seinem Mitt-80er Roman „Heat“ und dessen erwähnter ersten Verscriptung ist ein altmodisches Crime-Stück, hart und lässig, eigenwillig und straight, ruppig und stimmungsvoll.

Wertung & Fazit

Stimmungsvoller Crime-Thriller, gepaart mit bewährter Statham-Action: „Wild Card“ ist ein ganz cooles Werk, das seine Trümpfe gekonnt ausspielt. Nichts für’s Langzeitgedächtnis, aber gute Unterhaltung. 7/10

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